Meister der Orgelimprovisation

Musik

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In der Pfarrkirche gastierte mit Baptiste-Florian Marle-Ouvrard ein international bekannter Virtuose an der Orgel. Die Themen für den Grossteil der Werke stammten aus dem Publikum.

  • Baptiste-Florian Marle-Ouvrard an der Orgel der Pfarrkirche Unterägeri. (Bild Patrick Hürlimann)
    Baptiste-Florian Marle-Ouvrard an der Orgel der Pfarrkirche Unterägeri. (Bild Patrick Hürlimann)

Unterägeri – Konzerte ausschliesslich mit Orgelmusik finden selten eine zahlreiche Zuhörerschaft. Trotzdem entschied man sich für den grossen Raum der Pfarrkirche Unterägeri. Hauptargument war wohl die kräftige ­Orgeldisposition mit an die 40 Registern – unabdingbare Voraussetzung für den Konzertabend in der geplanten Form.

Das Publikum war im Voraus aufgefordert worden, Themen zu liefern, welche dem aus Paris angereisten Baptiste-Florian Marle-Ouvrard erst im letzten Moment ausgehändigt wurden. Unter den schliesslich verwendeten vier Vorschlägen waren zwei bekannte Schweizer Volkslieder («S’isch äben ä Möntsch uf Aerde» und «Luegit vo Bärg u Tal»), die Schweizer Nationalhymne «Trittst im Morgenrot daher» sowie eine erst wenige Stunden vor dem Konzert niedergeschriebene Neuvertonung des Kirchenlieds «Du kannst nicht tiefer fallen».

Nicht nur von seiner Ausbildung her, sondern auch nach Ausstrahlung und Spieltemperament zeigte sich der Organist als Vertreter der französischen Orgelschule. Als einziges nichtimprovisiertes Werk erklangen vier Sätze von Charles-Marie Widor (1844–1937), der fast sein ganzes langes Leben der Orgelmusik ­gewidmet hatte. Viele seiner ­Orgelwerke bezeichnete er als Sinfonien, ein Ausdruck jener Epoche, als man in kleineren Verhältnissen die Orgel oft als Ersatz für ein zu aufwendiges Sinfonieorchester verstand.

Für die Improvisationsstücke spielte sich der Organist die Melodie zunächst einstimmig vor. Dann folgte eine wahrhaft schöpferische Pause von kaum einer halben Minute, und damit war er so weit: Im Gegensatz zu vielen andern Improvisatoren erklang der erste Einsatz schon weit vom Original entfernt, und das eigentliche Thema folgte erst später, häufig – wörtlich zu verstehen – zwischen den Zeilen. Zusätzlich legte sich Marle-Ouvrard für jede Improvisation laut gedrucktem Programm auf einen Stil fest.

Mit dem Kirchenlied suchte er sich Johann Sebastian Bach zu nähern. Der Wechsel zwischen erhöhten und wieder vertieften Halbtönen innerhalb der gegebenen Melodie führte fast automatisch in die Nähe der Spätwerke «Musikalisches Opfer» und «Kunst der Fuge». Seltener findet man bei Bach ein Präludium im Zwölfachteltakt; die Architektur einer grossen Bach-Fuge kann auch vom grössten Meister der Improvisation nur als Fugato angedeutet werden. Mysteriös und verhalten begann die Umsetzung der Nationalhymne, und entsprechend dem Programm näherte man sich tatsächlich Max Reger. Dabei blieb aber auch die französische Schule präsent – vor allem mit harmonischen Anleihen bei César Franck und dem wilden Ungestüm eines Jehan Alain.

Hoher technischer Schwierigkeitsgrad

Die beiden Volkslieder lieferten gemeinsam das thematische Material an eine viersätzige Orgelsinfonie mit vielen Parallelen zu den soeben gespielten Sätzen von Widor. Nochmals erschienen die langen, oft erst nach mehreren Takten aufgelösten Spannungsbögen, ein hoher technischer Schwierigkeitsgrad und eine in sich stimmige Gesamtform – ob von Anfang an so ­geplant oder einfach aus dem ­Moment heraus gewachsen, das lässt sich bei einer Improvisation dieses Ausmasses nie eindeutig feststellen.

Trotz der für ein Orgelkonzert ungewohnten Konzertdauer von 90 Minuten blieb die Spannung im Publikum bis zuletzt ­bestehen.

Der kräftige Schlussapplaus wurde mit einem Populärstück verdankt, welches der Organist wohl von seiner Spezialerfahrung als improvisierender Begleiter historischer Stumm­filme gewonnen hat. (Jürg Röthlisberger)