Ein Engelsgesicht – teuflisch böse

Bühne

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Nach «Giacobbo/Müller» herrscht am Sonntagabend im Schweizer Fernsehen seit zwei Jahren Satiredürre. Nun kommt Michael Elsener.

  • Michael Elsenerin seinem Satire-Element. (Bild Manuela Jans-Koch)
    Michael Elsenerin seinem Satire-Element. (Bild Manuela Jans-Koch)

Cham – Dieses Gesicht, es ist wie ein Witz. Weil so lieb und doch bisweilen bitterböse. Aber nur für jene, die aus Michael Elseners Optik Absurdes tun. Wie Kleinkreditfirmen, deren Werbung darauf abzielt, junge Menschen zu ködern, obwohl das eigentlich verboten ist. Ja, solche Dinge findet er absurd. Und dann passiert etwas, das nicht zu seinem Gesicht passt. Er kniet sich rein, recherchiert, diskutiert, verbeisst sich ins Thema und lässt erst wieder los, wenn er die Absurdität in einen satirischen Mantel gehüllt hat. «Ich mag seine menschfreundliche Bosheit», sagt etwa Roger de Weck, der frühere SRG-Generaldirektor.

Seit «Giacobbo/Müller» im Dezember 2016 letztmals ausgestrahlt wurde, herrscht so etwas wie Satirenotstand im Schweizer Fernsehen. Zwar wurde Dominic Deville lanciert. Doch Deville ist kein Sympathieträger. Bringt dieser die gleiche Pointe wie Elsener, muss er damit rechnen, dass er untendurch ist. Dem charmanten Herrn Elsener hingegen verzeiht man fast alles. «Gmögig sein macht für einen Satiriker im Fernsehen 60 Prozent der Miete aus», sagt Kabarettist Bänz Friedli. «Und Elsener ist definitiv ein gmögiger Typ. Deshalb: Wenn ein Schweizer Satiriker den Sonntagabend rocken kann, dann Elsener.»

Schon als Kind lernt Elsener, dass eine Ungerechtigkeit leichter zu ertragen ist mit Humor. «Es gab eine Verwandte, die hat mir immer Socken zu Weihnachten geschenkt», erzählt er. «Bei dieser Person habe ich mich stets überschwänglich mit einem Brief für die geile Playstation bedankt.» Später, als er beginnt, sich für Politik zu interessieren, saugt er alles auf. Bilder, Zitate, Meinungen. Er entwickelt eine grosse Lust an der Debatte, hinterfragt, parodiert, ordnet ein. Und bevor er 2010 sein Studium der Politikwissenschaften und Publizistik mit dem Master abschliesst, tourt er mit einem Soloprogramm durch die Schweiz.

Keine Schenkelklopfer, kluge Satire

«Er ist ein grosser Schaffer. Und er weiss, wovon er spricht, weil er über das notwendige Rüstzeug verfügt, um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und einzuordnen», sagt Gisela Widmer, ehemalige Autorin der SRF-Satiresendung «Zytlupe». «Michi arbeitet nicht mit Schenkelklopfhumor oder nur mit Wortspielen. Er macht richtig kluge Satire.» Comedy-Essay nennt Elsener diese Form. Andere nennen es die lustvolle Art eines Volksschulunterrichts. «Ich sehe mein Programm als Unterhaltung, die etwas mitgibt. Das Publikum soll gleichzeitig lachen und einen neuen Blickwinkel auf aktuelle Geschehnisse erhalten.» Oder: Er greift Themen auf, die andere Comedians meiden. Weil sie ihnen zu kompliziert, zu schwierig oder zu trocken erscheinen. Zum Beispiel Johann Schneider-Ammann, bis letztes Jahr unser Digitalminister, für den der Datenschutz gewährleistet ist, so lange er weiss, wo sein Laptop liegt. Gut möglich, dass diese Nummer von einzelnen als persönlicher Affront gegen den Altbundesrat aufgefasst wird. Elsener aber glaubt: «Wenn man als Satiriker ein Problem hat, dann nur, wenn die Leute das Thema des Witzes mit dem Ziel des Witzes verwechseln. Ein Witz über den Papst und dessen Haltung gegenüber Frauen in der katholischen Kirche ist keine Gotteslästerung. Ich meine: Wenn man Ironie verstehen will, versteht man sie auch. Mein Publikum weiss, worauf es sich einlässt. Die besuchen mich, weil sie wollen, dass ich sie vor den Kopf stosse.»

Satire bedinge eine kindliche Lockerheit, meint Elsener in Bezug auf seine neue TV-Sendung. «Ich lerne mit dem Publikum, von Ausgabe zu Ausgabe, wie man die Show macht. Das ist das Faszinierende an diesem Spielplatz.» Elsener mache, was in Amerika mit der Daily Show sehr gut funktioniere, sagt Friedli. Oder mit der «Heute Show» im ZDF. Ein Unterschied zu Oliver Welkes «Heute Show» ist zweifellos die Vertiefung des Schwerpunktthemas. Aber leider auch der eher zähe Start. In der Pilotsendung dauerte es fünf, sechs Minuten, ehe man in der Sendung drin war. Im Fernsehen entscheiden diese ersten fünf Minuten, ob der Zuschauer die Finger von der Fernbedienung lässt oder nicht. «Ich sehe Dutzende Dinge, die man anders hätte machen sollen», räumt Elsener ein. «Eine Schwierigkeit ist: Auch ein Comedian braucht Zeit, um warm zu werden. Deshalb sage ich allen: Wenn ihr dran- bleibt, wird es nur noch besser.» (François Schmid-Bechtel)