Eine Bühne für den puren Narzissmus

Bühne

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Mit dem turbulenten Bühnenstück «Divamania» forschte die Gruppe Young Performance des Lucerne Festival nach neuen Konzertformen.

  • Die Gruppe Young Performance des Lucerne Festival experimentiert auf der Bühne der Zuger Shedhalle. (Bild Werner Schelbert)
    Die Gruppe Young Performance des Lucerne Festival experimentiert auf der Bühne der Zuger Shedhalle. (Bild Werner Schelbert)

Zug – Der Atem keucht, und der Schweiss rinnt – die Superstars und Egomanen auf der Bühne sind ganz Mensch, auch wenn sie mit ihrer Poserei und Aufmachung die perfektionierte Schönheit darstellen.

Die Gruppe Young Performance des Lucerne Festival bezeichnet sich als Produktionsstätte für innovative Konzertformen. Tatsächlich leisten die sechs jungen Musiker und zwei Tänzer Erstaunliches. Die Shedhalle diente am Sonntagmorgen als Bühne für ein aussergewöhnliches Stück, welches sowohl die heutigen Gesellschaftsstrukturen wie auch gewohnten Konzert- und Theaterformen auf den Kopf stellt.

Das Publikum wird zur Spiegelwand

«Divamania» stellt die Superstar- und Ich-bin-besser-als-alle-anderen-Kultur an den Pranger, denn die jungen Talente verkörpern den ekelhaften Narzissmus glaubhaft. Als Zuschauer ist man beim Stück von der Young Performance den Künstlern so nahe wie selten. Die jungen Talente aus der ganzen Welt arbeiten reduziert, es gibt keine Mikrofone oder Verstärker. Allein die Stimmen und die Musikinstrumente kommen zum Einsatz. Kleider gewechselt wird kurzerhand auf der Bühne, die Zuschauer dienen als eine grosse Spiegelwand. Die Musiker werden zu Tänzern, die Tänzer zu Musikern und alle zusammen zu Schauspielern in einem grossen Theaterstück.

In «Divamania» haben die acht Persönlichkeiten auf der Bühne nur ein Ziel: Superstar und für einmal der oder die begehrteste Person im Rampenlicht zu sein. Dabei geht keine Strategie zur Zielerreichung vergessen: Die Musiker übertönen sich gegenseitig, und die Tänzer ringen sich zu Boden. Beim Kampf um den ersten Platz im Scheinwerferlicht fungieren die Diven gekonnt und krallen sich an die heute allzu bekannten Parolen wie «beast inside», «no limits» oder «better, faster, louder».

Die dreimal 15-minütigen Stücke erfinden das Konzert neu. «Uns ist es ein Anliegen, den Kindern und Erwachsenen die Einheit von Mensch und Musik zu erklären», sagt Johannes Fuchs, Leiter Lucerne Festival Young. «Bei uns ist man als Zuschauer den Künstlern ganz nahe und erlebt sie auch als Menschen, die auf der Bühne schwitzen und keuchen.» Fuchs erwähnt, dass die junge Gruppe aus starken Persönlichkeiten besteht, welche ihren Typ auch auf der Bühne bleiben dürfen. Beispielsweise spielt der junge Geiger Josh Henderson das selbst komponierte Stück «Resist» und verkörpert die Musik selbst, so Fuchs. «Divamania» bedient sich an Musikstücken von über vier Jahrhunderten und lädt die kleinsten Besucher am Ende der Aufführung dazu ein, selbst auf die Bühne zu kommen. Es können Polaroidfotos mit den Künstlern gemacht werden, um Erinnerungen mit nach Hause zu nehmen.

Ein Stück jenseits gewohnter Strukturen

«Das Stück war lustig, es wollten alle Superstars sein», erklärt die 12-jährige Emilie Jaquement. Sie spielt selber Geige und bezeichnet die Performance als atemberaubend. «Deshalb habe ich mir von jedem der Musiker und Tänzer ein Autogramm geholt», fügt sie stolz an. «Divamania» ist für Neugierige und Mutige, die nicht in gewohnten Strukturen denken und erleben möchten, ein lohnenswertes Stück. (Carina Blaser)