Zu Ehren des Pfarreigründers

Brauchtum & Geschichte, Kunst & Baukultur

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Ein Brunnen aus den 1960ern erinnert an den ersten Pfarrer von Unterägeri – eine illustre Persönlichkeit.

  • Zum Gedenken an den ersten Wilägerer Pfarrer: Maria Luisa Wigets Fliegauf-Brunnen. (Bild Stefan Kaiser)
    Zum Gedenken an den ersten Wilägerer Pfarrer: Maria Luisa Wigets Fliegauf-Brunnen. (Bild Stefan Kaiser)

Unterägeri – Das historische Dorfzentrum von Unterägeri liegt da, wo die Oberdorfstrasse auf die alte Landstrasse trifft. Umgeben von Pfarrhaus, Marienkirche und Gasthaus Kreuz war dieser Platz einst der geschäftige Mittelpunkt des Dorfes. Mit der Bebauung entlang der Lorze und dem Errichten der heutigen Kantonsstrasse Mitte des 19. Jahrhunderts rückte das Unterägerer Dorfzentrum an seinen heutigen Standort etwas weiter südlich.

Am Rande des Plätzchens im alten Ortskern sehen wir unter stattlichen Birken eine moderne Brunnenanlage. Ihr rundes Wasserbecken trägt eine lateinische Inschrift zu Ehren Pfarrer Bernhard Fliegaufs (1656–1743), eine höchst bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte der heutigen Gemeinde Unterägeri.

Der gebürtige Wilägerer war ab 1725 erster Pfarrer der Pfarrei Unterägeri, deren Gründung und somit Loslösung von der Talpfarrei er elf Jahre zuvor, 1714, erwirkt hatte. Als Fliegauf ins neue Pfarrhaus einzog, war er bereits ein angesehener wie auch geprüfter und lebenserfahrener Mann. Nach seinem Studium in Mailand war Fliegauf Kaplan in Lachen SZ, Pfarrer in Zuzwil SG und später Kirchberg SG, schliesslich 25 Jahre lang Dekan des Kapitels Wil – mit längerem Unterbruch, denn in die letztgenannte Zeitspanne fällt auch der Zweite Villmergerkrieg, während dessen Fliegauf gemeinsam mit dem Henauer Pfarrer Johann Jakob Schön, ein gebürtiger Menzinger, den Widerstand gegen die Reformierten im Toggenburg massgeblich organisierte.

Für die Obrigkeit untragbar geworden, wurde Pfarrer Fliegauf aus Kirchberg verbannt. Auf Geheiss von Abt Geroldus II von Rheinau, der Familie Zurlauben entstammend ebenfalls ein Zuger, wurde Fliegauf Pfarrer von Jestetten. Da verblieb er fünf Jahre, ehe er für weitere sechs Jahre noch einmal nach Kirchberg zurückkehrte, bis er schliesslich in seiner Heimat die neue Pfarrei und die Pfründe übernahm.

Streit um das Patronatsrecht

Bernhard Fliegaufs gute Beziehungen zu einflussreichen Klerikern und Klostervorstehern ­kamen ihm beim Aufbau der neuen Pfarrei und bei der Einrichtung der 1721 geweihten ­Marienkirche zugute. Dank grosszügiger Stiftungen erhielt die junge Pfarrei eine prächtige Pfarrkirche mit kostbarer Ausstattung. Doch war die Führung der neuen Pfarrei nicht nur ein Leichtes für Bernhard Fliegauf, zumal bereits in den ersten Jahren ein erbitterter Streit um das Kollaturrecht entbrannte: Obschon dem Pfarrer das Kirchenpatronatsrecht offiziell zugesichert worden war, drängte ein grosser Teil der Dorfbewohner darauf, dass das Recht an die Gemeinde abgetreten wird.

Es gab zuweilen richtig böses Blut, einige wollten gar wieder zurück zur vormaligen Pfarreiordnung im Ägerital. 1729 gab Fliegauf nach und trat das Recht ab. Auch mit weiteren Differenzen sah sich der Unterägerer Pfarrer konfrontiert, aber nie kam es zum einem Zerwürfnis mit den Gläubigen. Zu angesehen, zu grossherzig und volksnah war Pfarrer Fliegauf, wie historische Notizen belegen. Spätestens ab 1730 herrschte weitgehend Friede innerhalb der Pfarrei. Am 7. Januar 1743 starb Pfarrer Bernhard Fliegauf im hohen Alter von 86 Jahren. Er wurde im Chor der Marienkirche beigesetzt.

Die verkannte Künstlerin

Im Jahre 1968 erhielt das einstige «Wilägerer» Dorfzentrum den weiter oben beschriebenen Brunnen. Er steht vor dem alten Pfarrhaus und nur einen Steinwurf von der Marienkirche entfernt – mitten im einstigen Hauptwirkungskreis Pfarrer Fliegaufs. Dass es ein Brunnen ist und nicht etwa eine Gedenktafel oder eine Figur, ist alleine insofern eine passende Wahl, als Pfarrer Fliegauf sich tatsächlich auch um die Wasserversorgung verdient gemacht hat. Aus seiner Amtszeit in Kirchberg nämlich ist verbürgt, dass er den damals einzigen Brunnen im Toggenburger Dorf entfernen liess. Dieser stand direkt vor der Kirche, und die Wasserqualität dürfte nicht gerade die beste gewesen sein. Fliegauf liess daraufhin an anderer Stelle im Dorf zwei neue Brunnen anlegen, welche mit Frischwasser direkt aus zwei Quellen unweit des Dorfes gespiesen wurden.

Gestaltet hat den Unterägerer Fliegauf-Brunnen die zu Lebzeiten bekannte Schwyzer Bildhauerin Maria Luisa Wiget (1901–2001). Die in Brunnen SZ geborene Künstlerin entstammte einer kulturaffinen Familie. Nach ihrem Bildhauerstudium in Paris erregte sie mit ihrer ausdrucksstarken Arbeit vor allem im Tessin Aufmerksamkeit, wo sie ihre Jugendzeit verbracht hatte. Während des Zweiten Weltkrieges lebte Wiget in den USA. Da führte sie namhafte Aufträge aus und erteilte Unterricht an mehreren Kunstschulen.

Als Maria Luisa Wiget anno 1947 nach Schwyz zurückkehrte, erwies sich ihre weitere Laufbahn als ein steiniger Weg. Die konservativen Schwyzer vertrauten einer Bildhauerin viel weniger als ihren männlichen Berufsgenossen. Die Künstlerin sah sich ausgeschlossen, die verdiente Anerkennung blieb lange aus. Erst Jahre später gelang es ihr, sich einigermassen zu behaupten und allmählich von sich reden zu machen. Mit dem Pelikan-Brunnen beim Schulhaus Lücken in Schwyz erhielt sie im Jahre 1960 erstmals einen öffentlichen Auftrag.

Den Namen bildlich umgesetzt

Acht Jahre später entwarf Maria Luisa Wiget den Fliegauf-Brunnen in Unterägeri. Er zeugt eindrücklich von ihren Fähigkeiten. Auf einem grossen betonierten Rundsockel steht eine konische Säule, die den Trog mit der Inschrift zu Ehren Pfarrer Fliegaufs trägt. Als über dem Wasseraustritt platzierte Brunnenskulptur stellt die Künstlerin drei «auffliegende» Vögel dar, und setzt so den Namen des Widmungsträgers bildlich um. (Andreas Faessler)

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und ­Zuger Bezug nach.