Wenn die Glocken für das Christchindli läuten

Volkskultur

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Dem Ägerital und Menzingen ist eine schöne Tradition eigen, die sonst im Kanton Zug nicht vorkommt: das Christchindlilüte. Zwei Oberägerer erzählen, was das für sie bedeutet.

Oberägeri – Heute Nachmittag um 16.30 Uhr werden die vier Glocken der Pfarrkirche St.Peter und Paul in Oberägeri ungewöhnlicherweise für eine halbe Stunde läuten. Morgen Montag ertönt das Geläut gar eine ganze Stunde von 16 bis 17 Uhr. Auch in Alosen werden die Glocken zum Schwingen gebracht. Es handelt sich dabei um das «Christchindlilüte», eine Tradition, die Jahrzehnte zurückgeht. Seit wann es sie gibt, kann niemand mehr so genau sagen. Und wer weiss, ob viele Oberägerer das lange und ungewöhnliche Geläut überhaupt bewusst wahrnehmen. Einer, der jedes Jahr genau hinhört, und zwar bereits seit der Kindheit, ist Rainer Henggeler (50). Der Oberägerer Bauer, der in der Pfarrei nebenbei als Sigrist arbeitet, ist in unmittelbarer Nähe zur Kirche aufgewachsen und wohnt noch immer dort. «Wenn ich das Christchindlilüte höre, weiss ich, jetzt ist wirklich Weihnachten.»

Ohne das traditionelle Läuten würde ihm etwas fehlen, führt er aus. «Es tönt irgendwie anders, so festlich», versucht Henggeler seine Empfindungen in Worte zu fassen. Schon sein Vater habe ihm als kleinem Jungen vom Weihnachtsläuten erzählt. «Ich sehe zwei, drei Situationen, in denen ich das Läuten gehört habe, noch heute ganz klar vor mir.» Einmal etwa war er in der Schule, als die Glocken anfingen, ein anders Mal war er gemeinsam mit dem Vater im Stall. Auch seinem eigenen Sohn hat er von der Tradition erzählt. «Sobald die Glocken anfangen, gehen wir zusammen raus und hören ihnen zu.» Für ihn bedeute das «Wertschätzung der christlichen Weihnachten, ein Willkommenheissen». Und als Kind sei es ein Zeichen gewesen, dass das Christchindli unterwegs gewesen sei.

Eine grosse Aufgabe für die «Lütbuebe»

Auch seine Frau Brigitte, die in Menzingen aufgewachsen ist, kennt die Tradition. Denn auch die Glocken der Pfarrkirche Menzingen werden für Weihnachten programmiert. Sie haben schon gestern eine Viertelstunde geläutet. Heute hört man sie von 18.30 bis 18.59 Uhr und morgen von 18 bis 18.59 Uhr. Ebenso wird in Unterägeri das Christkind mit den Glocken angekündigt. Gestern tönte es ab 17 Uhr für 10 Minuten, heute für 15 Minuten und morgen schliesslich für 20 Minuten. Läuft das Läuten heute automatisch, mussten die schweren Glocken früher von Hand in Schwung gebracht werden. Edy Itens Erinnerungen an diese Zeit sind sehr lebendig. Der bald 90-jährige Oberägerer war jahrelang «Lütbueb» – auch für das Weihnachtsläuten. «In der dritten Klasse habe ich angefangen, das ist jetzt 80 Jahre her», erzählt er. Die Lederriemen der Seile, an denen die Glocken gezogen wurden, sehe er deutlich vor sich. Keine leichte Aufgabe, doch «waren die Glocken mal in Schwung, ging es gut». Zu acht waren die Buben für das einstündige Christchindli­lüte an Heiligabend im Einsatz. Immer vier auf einmal, jeder bediente eine Glocke. «Alle fünf Minuten haben wir gewechselt.»

Die «Lütbuebe» hatten das ganze Jahr über Arbeit. «Die dritthinterste Bank war für uns reserviert», erinnert sich Edy Iten. Und auch Lohn gab es: «Einen halben Hasen und einen Fünfliber.» Das Christchindlilüte war immer etwas ganz Besonderes: «Wir fühlten uns dabei bedeutend, wir machten etwas für die Gemeinde. Dabei habe ich Weihnachten richtig gespürt.» (Carmen Rogenmoser)