Das Trittsiegel des Lichts

Dies & Das

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In Zug haben sich junge Verfechter der analogen Fotografie zusammengefunden. Das Fotografie Kollektiv Zug gräbt alte Technik aus und hat Spass dabei.

  • Bild: Samuel Huwyler, Fotografie-Kollektiv Zug
    Bild: Samuel Huwyler, Fotografie-Kollektiv Zug
  • Bild: Elena Klippel, Fotografie-Kollektiv Zug
    Bild: Elena Klippel, Fotografie-Kollektiv Zug

Zug (Kanton) – Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Zug Kultur Magazins erschienen. Hier im PDF lesen.

Fotografie fasziniert, seit es sie gibt. Unmögliches scheint nun machbar; gefangene Momente, konserviertes Licht, gefesselte Zeit. Aber romantischer Zauber hin oder her: Wieso zum Teufel tut man sich das ganze Drumherum der analogen Fotografie überhaupt noch an? Sollten nicht alle Fotografen der Welt dem Fortschritt auf Knien danken? Dass es nun endlich ein Ende hat mit aggressiver Entwickler-Chemie, falsch belichteten Filmen, fleckigem Fotopapier und einem Arbeitsaufwand, der jeden heutigen Fotografen gnadenlos ins Burn-out schicken würde. Nein, findet Elena Klippel und rund zwanzig andere Mitglieder des Fotografie-Kollektivs Zug.

Elena Klippel hat mit Samuel Huwyler das Fotografie-Kollektiv nach einer grossen Foto-Ausstellung in Zürich gegründet. «Es war ein riesiger Motivationskick», erinnert sich Elena Klippel. Kein Wunder. Rund 27 000 Besucher strömten durch die Werkausstellung «Photo 17». Über 200 Schweizer Fotografen zeigten ihre Arbeiten, vom professionellen Zeitungs- oder Werbefotografen bis zum ambitionierten Amateur. Elena Klippel und Samuel Huwyler sahen sich am Tag die Ausstellung an und gründeten am Abend, bei Rotwein und Euphorie, das Zuger Kollektiv.

Wie im Fussballklub
«Es ging uns darum, ein Gefäss zu schaffen», erklärt Elena Klippel im Nachhinein. Leute zu bündeln, Interessierte zusammenzubringen und damit Möglichkeiten zu schaffen. «Wie halt sich auch Leute in einem Fussballklub zusammenschliessen.» Wenn man jemanden treffe, der sich ebenfalls für analoge Fotografie interessiert, dann habe man sofort ein Gesprächs-
thema. Eigentlich logisch. Sogar Modelleisenbahnfans schliessen sich zu Gruppen zusammen. Analog-Fotografen ziehen jedoch noch 
andere Vorteile aus einem solchen Kollektiv. Während es für Digitalfotografen eine vorwiegend finanzielle Frage ist, ob man sich eine χ Kamera, einen Computer und ein Bearbeitungsprogramm leisten will, ist das für analoge Fotografen nicht ganz so simpel. Entwickler-Chemie will gelagert werden, Vergrösserungsprojektoren pochen auf ihren Platz. Das Problem mit der Dunkelkammer nicht zu vergessen.
«Ohne Labor muss jeder zu Hause im Badezimmer seine Fotos entwickeln», sagt Elena Klippel. Jeder, der in seinem Leben mit mindestens einem Artgenossen die Wohnung teilte, weiss: Badezimmer sind im Alltag heiss umkämpfte Lokalitäten. Eine halbe Stunde Klo-Sperrung wegen Dunkelkammer kann da in handfeste Krisen ausarten. «Man macht sich damit manchmal nicht nur Freunde», räumt sie ein.

Autos und schöne, rauchende Menschen
So ist auch die erste Errungenschaft des Fotografie-Kollektivs die wohl wichtigste: Platz. Eigentlich zwei Plätze, ein Fotostudio im Raum 110, in der Zwischennutzung beim Rigiblick in Cham. Und ein Fotolabor in der Industrie 45 in Zug. Eine kleine Tür, in der Holzwand neben dem Billardtisch der Industrie 45 führt in die Dachschräge hinein. Ein hoher Raum, an den Wänden Fotografien von Autos und schönen rauchenden Menschen und schwarzweissen Bergen, scharfkantig wie Holzschnitte.
Elena Klippel zeigt auf einen Stapel roter  kleiner Plastikwannen. «Vieles von dem Equipment bekommen wir geschenkt.» Überwiegend sind es Fotostudios, die keine Verwendung mehr haben für die Geräte und Zubehör, kaum jemand aus dem professionellen Bereich betreibt noch ein analoges Fotolabor.

Auf der Suche nach Equipment
Auf dem Tisch liegen ein paar mehr oder weniger misslungene Vergrösserungen übereinander. Dazwischen Teststreifen: Bilder, die stückchenweise anderen Belichtungszeiten unter dem Projektor ausgesetzt wurden. Nun sind sie tranchiert von fad und hell zu dunkel und hart bis zur Unkenntlichkeit. «Auch private Fotografen, die ihr altes Equipment nicht mehr brauchen, schenken uns manchmal etwas», erzählt Elena Klippel. Darauf ist das Kollektiv angewiesen. Ausrüstung ist nicht einfach zu bekommen. Und wenn, dann kostet das natürlich.
Selbstverständlich müsse man etwas Geld in die Hand nehmen, meint Elena Klippel, wie bei jedem anderen Hobby auch. Die Preise für Kamera, Film und Ausrüstung sind aber bei genauerer Betrachtung nicht viel höher als bei digitaler Fotografie. «Die Preise für Kameras im mittleren Bereich sind etwa bei dreihundert bis achthundert Franken.»

Handwerkliches Wissen zu vergeben
Dazu kommen natürlich noch die Kosten für Film und Entwickler. Wer eine Mitgliedschaft beim Fotografie-Kollektiv Zug hat, kann sich zumindest die Anschaffung eines Vergrösserungs-Projektors und die Plastikwannen sparen. «So alles in allem kostet ein Negativ wohl etwa einen Franken», überschlägt Elena Klippel im Kopf.
Wie kommt man eigentlich auf die Idee, wieder analog zu fotografieren? Bei Elena Klippel war das so gar nie die Frage. «Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich offensichtlich eine krasse Ausnahme bin», erzählt sie. Ihre Eltern hätten noch lange analog fotografiert, auch als der Grossteil der Leute bereits auf die digitalen Apparate umgestiegen sei. «Alle meine Kinderfotos sind noch analog.»

Dann habe sie einmal bei ihren Eltern eine alte Kamera gefunden, ihr Vater habe ihr dann gezeigt, wie das Entwickeln funktioniert. Doch nicht alle haben so leichten Zugang zum handwerklichen Wissen, das nötig ist. «Als ein wenig bekannter wurde, dass es nun ein Fotografie-Kollektiv in Zug gibt, das analog arbeitet, haben wir viele Anfragen bekommen, ob wir nicht bei einigen das Wissen wieder etwas auffrischen könnten.» Zwar können die Leute vom Fotografie-Kollektiv nicht jedem Einzelstunden in der Dunkelkammer versprechen, aber eine gute Alternative steht im Raum. «Wir versuchen in nächster Zeit auch ein paar Kurse anzubieten, in der I45 beispielsweise oder zusammen mit Ars Imago, einem Fachgeschäft für analoge Fotografie.»

Dabei müsse man keine Angst haben, das Ganze sei gar nicht so schwierig, meint Elena Klippel. Im Gegenteil: «Es ist eher einfacher, wenn man die Grundsätze einmal kennt. Die unzähligen Möglichkeiten der digitalen Fotografie gibt es hier gar nicht.» Die Entscheidungen, die zum fertigen Bild führen, trifft man bereits im Vorhinein. Der Film wird ausgewählt, das Motiv bewusst gewählt, weil nicht unendlich viele Bilder möglich sind. Genau das ist für Elena Klippel auch die persönliche Faszination. «Analoge Fotografie ist dadurch sehr bewusst und viel mehr im Moment. Wenn man an den Rädchen der Kamera dreht, hat das einen direkten Einfluss.» Hier wird physisches Licht auf Papier gebannt, nicht wie digitale Fotografie, die den Umweg über eine Zahlenreihe im Binärcode nehmen muss. Es ist der physische Abdruck, den Licht in der Kamera hinterlässt. Und dann unter dem Rotlicht, im Fotolabor ist es der eingefangene Moment, der sich langsam und immer schwärzer in die Oberfläche des Fotopapiers brennt. Das Trittsiegel des Lichts. (Lionel Hausheer)