Brückenbauer, Naturalist und Farbkomponist

Kunst & Baukultur

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Seit sechs Monaten ist Henry Bachmann als Bauingenieur pensioniert, seit acht Jahren malt er. Eine Werkschau geht auf beide Talente ein.

  • Vieles hat Henry Bachmann in seinem Leben bereits gemacht. Malen ist für ihn Ausgleich. In der Altstadthalle zeigt er eine Werkauswahl. (Bild Werner Schelbert)
    Vieles hat Henry Bachmann in seinem Leben bereits gemacht. Malen ist für ihn Ausgleich. In der Altstadthalle zeigt er eine Werkauswahl. (Bild Werner Schelbert)

Zug – Henry Bachmann ist vielen im Kanton als langjähriges Gemeinderatsmitglied der Stadt Zug ein Begriff. In den 80er- und 90er-Jahren bekannt für Opposition und Gegengewicht, sagt der SPler Bachmann heute mit humorvollem Unterton: «Als Linker musste man immer etwas besser sein als die anderen, um ernst genommen zu werden.» Ernst genommen wurde Bachmann vom politischen Gegner aber vielleicht auch, weil er einen Beruf ausübte, in dem es von Linken nicht gerade wimmelt: Henry Bachmann war Bauingenieur und wirkte bei zahlreichen grossen Brückenbauprojekten mit.

Seit Mai diesen Jahres ist der 1949 in Zug geborene Sohn des Lehrers und Aquarellisten Baschi Bachmann pensioniert. In ein Loch wird Henry Bachmann deshalb wohl kaum fallen: Hat der Ingenieur aus Berufung doch vor acht Jahren ein weiteres Spielfeld entdeckt - das Malen. Abstraktes Denken als Ingenieur und abstraktes Malen als Künstler, passt das zusammen? Ein Linker, der Brücken baut und nun Farben komponiert? Maya Minder, Kuratorin der «Werkschau Henry Bachmann», die seit gestern in der Altstadthalle zu sehen ist, sagt: «Henry Bachmann ist eine starke Persönlichkeit, die kontinuierlich ihrer Linie folgt, sei es als Künstler oder als Verhandlungskünstler und erfinderischer Geist im Brückenbau.»

«Malen ist Ausgleich»

Henry Bachmann selbst verbindet mit dem Beruf des Ingenieurs Kreativität und abstraktes Denken, über seine künstlerische Tätigkeit sagt er: «Malen ist Ausgleich, das habe ich nach dem ersten Bild gemerkt.» Entscheidend sei für ihn, die Farben fliessen zu lassen. Der 64-Jährige erklärt: «Ich konnte feststellen, dass ich die Farben ganz nach meiner Stimmung auswähle. Vieles entsteht dabei aus Zufall, und das ist wichtig.» Farben ganz nach Stimmung - das klingt nach Mark Rothko, dem grossen russisch-amerikanischen Farbfeldkünstler. Und tatsächlich waren es auch die Bilder Rothkos, die vor acht Jahren bei Henry Bachmann die Idee entzündeten, mit dem Malen zu beginnen.

Eine weitere Seite Bachmanns

Mit seiner damaligen Partnerin betrachtet der Zuger die grossflächigen Farbkompositionen des berühmten Amerikaners lettischer Abstammung - in Basel. Bachmann findet: «Das kann ich auch.» Seine Partnerin findet: «Dann male doch ein Bild.» Seither hat der Ingenieur rund 70 Bilder gemalt, 37 davon sind nun in der Altstadthalle zu sehen - seine Freunde haben Bachmann dazu ermutigt, der Maler selbst hatte nie eine Ausstellung im Sinn. Kuratorin Minder findet: «Man kennt Henry Bachmann als Ingenieur und Politiker, nun gibt es noch eine weitere Seite von ihm zu entdecken.» Maya Minder gefällt der «gleichmässig geführte Pinselanstrich» der 37 Werke. «Die Bilder erhalten ihre Tiefe durch Hunderte von Schichten.» Und: «Sie erschliessen sich dem Betrachter durch sinnliche Wahrnehmung.»

Henry Bachmanns Bilder sind keine Farbfelder wie bei Rothko. Bei Bachmann vermischen sich viele Linien zu einem grossen weichen Ganzen. Sie fliessen zusammen und spiegeln eine Stimmung: November- oder Abendstimmung, Winter- oder Sommer- und See-Stimmung. Eine Inspiration des Malers: der Zugersee. «Natürlich liebe ich diesen See, er ist der schönste aller Seen», erklärt der Altstadtbewohner, der tägliche Sicht auf ihn hat. Und der sich, obwohl dem abstrakten Malen verpflichtet, als Naturalist bezeichnet, der Caspar David Friedrich und da Vinci mag. Stichwort Naturalist: Im zweiten Teil der Ausstellung werfen Fotos und Dokumentationen ein intensives Licht auf die Werke des Brückenbauers Bachmann. Berühmte Baustellen sind zu sehen, so die Baustelle Museumsbahnhof Zürich oder der Freivorbau über die Aare. Kennern der Branche werden Fellizelt und Vorschubgerüst keine Fremdwörter sein. Henry Bachmann war sein Beruf stets eine Berufung - die Kunst ist dem Brückenbauer Ausgleich, Freiheit, Fluss.

Hinweis
Werkschau in der Altstadthalle, noch bis zum 1.12. (Finissage 15-19 Uhr). Konzert mit Café mondial am 29.11. ab 19.30 Uhr. Führungen von Kuratorin Maya Minder am 24.11., 12 Uhr, 28.11., 19 Uhr, 1.12., 12 Uhr. Öffnungszeiten Altstadthalle Mo-Fr, 14-20 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr.