Auf der Suche nach dem Wunderbaren

Musik

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Im Lassalle-Haus bei Edlibach ist der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker am Samstag zu einer furiosen Soirée aufgetreten.

  • Liedermacher Konstantin Wecker regte zum Denken an. (Bild Jan Pegoraro)
    Liedermacher Konstantin Wecker regte zum Denken an. (Bild Jan Pegoraro)

Edlibach – Die Mystik von Meister Eckhart von Hochheim war eines der Themen, welche vergangene Woche im Lassalle Haus behandelt wurden. Meister Eckhart war ein bedeutender Theologe und Philosoph des Spätmittelalters, der für seine mystische Spiritualität bekannt ist. Die letzten Jahre seines Lebens sind überschattet von einem Ketzerprozess. Seine lateinischen und deutschen Werke zeigen ihn als einen scharfsinnigen Denker und seine Texte bewegen auch heute noch.

Und hier kommt nun Konstantin Wecker ins Spiel. Der deutsche Liedermacher hatte am Samstagabend die nicht ganz einfache Aufgabe, mit seinen Liedern und Texten die «Tagung Meister Eckhart» zu beenden. Er tat dies absolut umwerfend.

Antworten auf Fragen des Lebens

Wecker ist 72 Jahre alt und überzeugt als Künstler wohl mehr denn je. Vital, charmant und absolut sexy. Denn wie der Mann mit den grossen Themen wie Leben, Tod, Religion und Verantwortung umgeht, ist schlicht unglaublich. Konstantin Wecker ist viel mehr als einfach nur Liedermacher. Er ist einer der wenigen, der offensichtlich nun schon fast weiss, wie das Leben funktioniert. Meister Eckhart hat mit seinen Lehrreden Menschen beigebracht, selbst Antworten auf die Fragen nach einem richtigen und guten Leben zu finden. Konstantin Wecker schafft das ebenfalls: mit seinen Liedern, seiner Prosa und letztendlich auch mit seiner Glaubwürdigkeit. Denn aus dem einst lauten, homophoben, drogensüchtigen Holdrio hat er sich längst schon zu jemandem gewandelt, der äusserst sensibel und dennoch pragmatisch erkannt hat, dass die Menschheit auf der Hut sein muss. Diese Erkenntnis schlummerte schon früh in ihm, das wurde am Liederabend im Lassalle-Haus klar. Nur wusste er früher ganz offensichtlich nicht, wie er mit dieser Erkenntnis umzugehen hatte. Der mediale Pranger war bei dieser seiner persönlichen Verarbeitung der Lebenseindrücke, welche auf ihn ungefiltert einprasselten, sicher wenig hilfreich. In opportunistischer Robin-Hood-Manier stahl er beispielsweise im Alter von 19 Jahren Geld von einem windigen Rennbahnbesitzer – gab dieses aber nicht den Geprellten zurück, sondern verprasste es mit einem Kumpel selbst. Er wurde notabene verhaftet und hatte Zeit, sich mit vielen wesentlichen Kernfragen des Lebens und mit seiner eigenen Spiritualität auseinanderzusetzen. Konstantin Wecker liest aus seinen Texten, spielt am Piano, erzählt, prangert an, fabuliert, verzettelt sich, bringt dann aber messerscharfe Resümees galant wieder zu einem grossen Ganzen. Strotzt vor Lebensfreude und erklärt, warum Texte und Lieder, die in ihm schlummern , dann mehr der minder wenig kontrollierbar aus ihm ausbrechen. Genau diese Geschichten, die damit verbundenen inneren Kämpfe und die dadurch gewonnene Erkenntnis machen die Abende mit Konstantin Wecker so fantastisch.

Kein Sammelsurium von Greatest Hits

Klar kokettiert er, natürlich kennt er die Trigger-Punkte seines Publikums und selbstverständlich ist er kein Märtyrer. Jemand, der sich aber aufgrund seiner Höhenflüge und den damit verbundenen Rückschlägen immer wieder mit sich selbst und seiner Umwelt auseinandersetzen muss, kommt zwangsläufig zu klareren Erkenntnissen als die Spezies Mensch.

Ist Konstantin Wecker ein guter Sänger? Ein Dichter oder Literat? Wenn man einen Liederabend mit dem Künstler verbracht hat, spielt dies gar nicht so sehr eine Rolle. Denn seine Denkanstösse zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft inspirieren so sehr, dass diese Fragen an Relevanz verlieren. Liederabende mit Konstantin Wecker sind kein Sammelsurium von «Greatest Hits». Liederabende mit Konstantin Wecker sind philosophische Auseinandersetzungen mit sich selbst – Wecker liefert dafür das stimulierende Wortmaterial, das weit mehr als ein Hintergrundrauschen ist, er liefert musikalische Inputs, die einen erschüttern oder erquicken und er schafft es mit Worten, zu Tränen zu rühren. Sein Instrument sind Stimme, Piano und eine messerscharfe Beobachtungsgabe. Er selbst sieht sich eher als Mönch und Krieger. Krieger war er schon immer – seine Waffe ist die Poesie. Mönch wurde er wohl erst später, dafür brauchte er erst eine Reihe Erkenntnisse. Und es ist ein Geschenk, dass er seine Erkenntnisse weitergibt. (Haymo Empl)