Klingende Elegie in königlichen Gärten

Musik

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Das Sommerkonzert des Stadtorchesters am Sonntag versprühte mediterranen Zauber. Im Mittelpunkt stand Joaquín Rodrigos berühmtes «Concierto de Aranjuez» – voller gitarristischer Virtuosität und grosser Gefühle.

Zug – Es gibt wenig Musik, die derart oft neu interpretiert, arrangiert, instrumentiert oder getextet wurde wie das «Adagio» aus dem «Concierto de Aranjuez» des bekanntesten spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Das hat seine Gründe.

Joaquín Rodrigo, 1901 bei Valencia geboren, erblindete im Alter von drei Jahren. Dennoch sollte er ein langes, erfülltes Musikerleben führen – als vielgereister Pianist und Komponist, Musikhistoriker und -professor am Madrider Konservatorium, als Musikkritiker und -redaktor beim spanischen Radio. 1928 lernte er seine Frau, die türkisch-sephardische Pianistin Victoria Kamhi, kennen, die ihm zeitlebens «über die Schulter schaute», sprich seine Werke notierte, lektorierte, transponierte, ordnete, übersetzte, und dafür auf eine eigene Karriere verzichtete. Die künstlerische Gefährtenschaft aber war überaus fruchtbar.

In Paris komponierter «Welthit»

Nach mehrjährigem Auslandaufenthalt während des Spanischen Bürgerkrieges 1936–39 liess das Paar sich in Madrid nieder. Das aus Paris mitgebrachte «Concierto de Aranjuez» für Gitarre und Orchester wurde 1940 in Barcelona uraufgeführt und bald zu einem der bekanntesten klassischen Konzerte des 20. Jahrhunderts.

Im fast gefüllten Saal des Theater Casinos betritt am Sonntagmorgen ein kleiner, zarter Mann mit indianischen Gesichtszügen, Gitarre und bescheidener Verbeugung die Bühne, lächelt ins Publikum, installiert inmitten der Stille seelenruhig seinen Verstärker. Der in der Schweiz lebende argentinische Gitarrist Fabián Cardozo wirft seine hüftlangen Haare zurück, schaut kurz zu Dirigent Jonathan Brett Harrison hinüber, um sich dann mit energischen Fingern in die ersten Rasgueados des «Allegro con spirito» zu stürzen. Diese werden wenig später vom Orchester aufgenommen und weiterentwickelt.

Zigeunerharmonik und die Kombination von binären und ternären Takten – in der Klassik «Hemiole» genannt und im Flamenco allgegenwärtig – entführen augenblicklich in das maurische Spanien, in die Gärten der königlichen Sommerresidenz Aranjuez südlich von Madrid. Die Klänge evozieren Mosaikbaldachine, Magnolienduft, Vogelzwitschern und das Rauschen silberner Fontänen. Was Rodrigo wollte, funktioniert auch in Zug: eine magische Verschiebung an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. Einzelne Zuhörer träumen mit geschlossenen Augen. Ein Gitarrenkonzert muss ein zartklingendes Instrument mit den gewaltigen Kräften des vollen Orchesters paaren. Das «Concierto de Aranjuez» löst dies durch ständige Wechsel zwischen Tutti-Partien und gitarristischen Soli, die von leiseren Instrumenten begleitet werden, etwa von den Flöten oder einem Cello.

Dann beginnt das berühmte «Adagio», langsam, klagend, h-Moll. Die expressiven Melismen der Melodie in Gitarre und Englischhorn (sehr gefühlvoll: Nadja Suter) sind eine Reflexion der Saeta, des Klagegesangs während der alljährlichen andalusischen Prozession in der Karwoche. Cardozo spielt in seiner Mischung von Energie und Subtilität, das Stadtorchester folgt ihm sensibel, und man denkt als Zuschauer erneut: Magie. Diese löst sich auch im dritten Satz «Allegro gentile» nicht auf, sondern wird nur leichter, tänzerischer, luftiger – ein höfischer Gesellschaftstanz.

Eine zu Musik geronnene Gefühlswelt

Was die Inspiration für das «Concierto» gewesen war, gab Victoria Kamhi erst in ihrer späten Autobiografie bekannt: Zum einen ihre Spaziergänge als junge Verliebte in den Palastgärten von Aranjuez. Das Adagio aber beschreibt die Gefühle ihres Mannes rund um das einschneidendste Erlebnis seiner Biografie, die Totgeburt des erstgeborenen Sohnes. Schmerz, Trauer, Wut, das Loslassen und die verzweifelte Bitte, sein «Augenlicht» Victoria möge überleben – all dies ist im «Adagio» zu Musik geronnen. Es mag ihre dringliche Wahrhaftigkeit sein, die danach Jahrzehnt um Jahrzehnt Musiker von Paco de Lucía über Carlos Santana, Nana Mouskouri, Andrea Bocelli bis zur Beirut-Klage der libanesischen Sängerin Fairuz inspiriert hat.

Das 45-köpfige Stadtorchester, sein Dirigent Jonathan Brett Harrison und der Gitarrist Fabián Cardozo werden gleichsam durchsichtig auf diese lange, reiche Interpretationsgeschichte, reihen sich darin ein. Das Publikum – berührt – erklatscht sich eine Zugabe, Cardozo spielt «Asturias» aus Albéniz’ Suite Espagnole, und für ein paar Minuten lang sind seine virtuos und feinfühlig gezupften Saiten der Gravitationspunkt des Saals. Eingerahmt von Giovanni Paisiellos «Sinfonia funebre» und Mozarts «Prager Sinfonie», erhielt das Konzert auch in seiner zweiten Hälfte grossen Applaus. (Dorotea Bitterli)