Wohltuende Reizüberflutung

Volkskultur

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Alfred Dünnenberger (71) ist eine Koryphäe auf dem Sammelgebiet Weihnachtsschmuck. Ein Besuch seines Hauses lohnt sich nicht nur für Gleichgesinnte, sondern auch für Entschleunigungsuchende.

  • Das Prunkstück: Diese «Weihnachtsstube» hat Alfred Dünnenberger einen fünfstelligen Betrag gekostet. (Bild Maria Schmid)
    Das Prunkstück: Diese «Weihnachtsstube» hat Alfred Dünnenberger einen fünfstelligen Betrag gekostet. (Bild Maria Schmid)

Baar – Was hat ein Kaktus an einem Christbaum zu suchen? Wenn selbst Alfred Dünnenberger die Antwort nicht kennt, dann ist dieses Rätsel wohl für keinen zu lösen. Der Baarer ist Weihnachtsschmucksammler und in dieser Sparte eine Berühmtheit. Die Christbaumkugel, die einen Kaktus zeigt, gehört zu seinen Stücken. Er stellte schon in der Burg Zug aus, erhielt in den vergangenen Jahren Besuch verschiedener Fernsehstationen, und er hat ein Buch geschrieben, das im Handel und bei ihm erhältlich ist. Gegenwärtig befindet sich ein Teil seiner Sammlung im Landesmuseum, wo nächstes Jahr übrigens Advents­kalender seiner Frau zu sehen sein werden. Gestern weilte Alfred Dünnenberger an der Eröffnung seiner Ausstellung im Spielzeug-Welten-Museum Basel.

Zuvor hatte er sich die Zeit genommen, um über seine Leidenschaft zu berichten. Natürlich war seine Leidenschaft auch immer wieder Teil unserer Berichterstattung. Alle Jahre wieder kommt das Christuskind – und ein Beitrag über Dünnenbergers Sammlung. Fast, jedenfalls. Das Schöne daran: Wie das Weihnachtsfest nutzt sich auch seine Geschichte nicht ab. Denn wenn er in einem der vielen Sessel in einem der vielen Zimmer seines Hauses davon erzählt, vermittelt der 71-Jährige eine geradezu kindliche Faszination für die oft filigranen und manchmal kuriosen Stücke aus Glas, Karton, Watte und weiteren Materialien. Auf dem Beistelltisch liegen Flaggen, von denen man manche aus dem Geschichtsbuch kennt – Christbaumschmuck aus Deutschland aus dem Jahr 1902.

Mit Weste und Taschenuhr

Ein Jahr später war das Haus in Baar fertig gebaut, das die Dünnenbergers heute bewohnen. Es ist ein Hort der Entschleunigung. Wer empfänglich dafür und von Reizüberflutung nicht überfordert ist, dürfte sich wohlfühlen. Das Aus-der-Zeit-Gefallene entspricht nicht nur der Inneneinrichtung des Hauses, sondern auch der Erscheinung von Alfred Dünnenberger. Mit seinen zum Zopf gebundenen Haaren und der Weste mitsamt angeketteter Taschenuhr wirkt er wie ein Schauspieler. An seiner Aufrichtigkeit gegenüber dieser Lebensart lässt er jedoch keine Zweifel aufkommen. «Ich sehe meine Aufgabe darin, Interessierten die Vorfreude auf Weihnachten zu vermitteln. Es handelt sich dabei um eine versunkene Tradition, die ich bewahren will», sagt der dreifache Vater und siebenfache Grossvater.

Das Prunkstück seiner Sammlung ist eine «Weihnachtsstube» aus dem Jahr 1910. Es sind sechs Puppen um einen Christbaum herum zu sehen, die beim Betätigen einer Kurbel zu den Spieluhrklängen von «Stille Nacht» unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen. «Das ist immer wieder eine Sensation», schwärmt der 71-Jährige. Eine Sensation, für die er «Hochzeitstag, Geburtstag und Weihnachten» zusammennahm, um die fünfstellige Summe dafür auszugeben. Zahlen sind ihm nicht wichtig. Wie viel seine ganze Sammlung wert ist, und wie viele Stücke sie umfasst, könne Dürrenberger nicht beziffern.

Cloud statt Setzkasten

Fernsehsendungen, in denen alte Dinge, die zu Hause verstauben, von Experten im Preis geschätzt werden, erfreuen sich hoher Einschaltquoten. Alfred Dünnenberger schaut sich die Sendungen an, kann aus deren Beliebtheit aber nichts Positives ableiten. «Ich nehme nach wie vor eine gegenteilige Entwicklung wahr. Alte Sachen werden gering geschätzt, auch weil der physische Besitz nicht mehr so wichtig ist – heute ist ja alles in einer Cloud zu finden.»

Er sagt das nicht mit Bitterkeit, sondern getreu dem Motto: leben und leben lassen. Wer sich ein Bild von seiner Welt machen will, dem gewährt Dünnenberger nach telefonischer Voranmeldung eine Führung. Das allerdings nicht unmittelbar: Bald werden seine Frau und er damit beginnen, das Haus zur Ausstellung umzustellen. Bis zu sieben vollgeschmückte Christbäume werden sich darin finden. Es sei eine Arbeit von Wochen, bis alles zu ihrer Zufriedenheit arrangiert sei.

Apropos Arbeit: Als er noch für einen Mineralölkonzern tätig war und durch Europa reiste, hatte Alfred Dünnenberger wenig Zeit für sein Hobby. Seit der Pensionierung hat es ihn aber in Beschlag genommen. «Mittlerweile hätte ich keine Zeit mehr fürs Arbeiten», sagt er. (Raphael Biermayr)