Die eigene Geschichte erzählen

Brauchtum & Geschichte

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Die «soziale Fürsorge» soll historisch aufgearbeitet werden, dafür hat die Regierung einen Forschungsauftrag erteilt. Nun sucht das Forschungsteam nach Zeitzeugen, die über ihre Erfahrungen sprechen.

  • Das kleine, 1902 vom Korporationsförster Franz Josef Iten und seiner Tochter Anna gegründete Kinderheim Forsthaus in Unterägeri. Das Bild stammt aus den 1930er-Jahren. (Bild Staatsarchiv des Kantons Zug)
    Das kleine, 1902 vom Korporationsförster Franz Josef Iten und seiner Tochter Anna gegründete Kinderheim Forsthaus in Unterägeri. Das Bild stammt aus den 1930er-Jahren. (Bild Staatsarchiv des Kantons Zug)

Zug – Ein umfassendes Bild, was unter «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» im Kanton Zug zu verstehen ist, fehlt noch. Um die Lücken zu schliessen, hat der Kanton im vergangenen Jahr einen Forschungsauftrag erteilt, der die Geschichte der sozialen Fürsorge historisch umfassend aufarbeiten soll. Der Zeitraum, der untersucht wird, erstreckt sich von 1850 bis zur Gegenwart.

Für die historischen Untersuchungen ist die Beratungsstelle Landesgeschichte (BLG) zuständig. Sie sucht momentan nach Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Dabei geht es um Betroffene und Beteiligte. Die Zeitzeugen könnten etwa über Zustände und Ereignisse berichten, wie sie vor allem vor 1981, je nachdem aber auch darüber hinaus weiterexistierten, erläutert Thomas Meier, Geschäftsführer der BLG. Sie sollten bereit sein, in Interviews über ihre persönlichen positiven sowie negativen Erfahrungen und Erlebnisse in diesem Kontext zu berichten. «Wir möchten auch mit Leuten sprechen, die im Auftrag von Gemeinden oder privaten Institutionen in der sozialen Fürsorge tätig waren.» Dazu zählen auch ehemalige Behördenmitglieder, Vormunde oder Angestellte in einem Heim oder einer Anstalt, aber auch jene, die sich in ihrer Freizeit sozial engagierten, präzisiert Meier. Es sei schwer abzuschätzen, wie viele den Aufruf folgen werden. «Klar ist aber: Je mehr sich melden, desto besser, denn die Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind ebenso wichtig wie schriftliche Materialien», resümiert der Forscher. Und wenn jemand anonym bleiben möchte, sei dies auch möglich, versichert er. Nach Abschluss des Projekts werden die Gespräche dem Staatsarchiv zu Aufbewahrung, sofern die Interviewten damit einverstanden seien, übergeben. Als Methode setzt die Forschungsgruppe auf die sogenannte «Oral History», die auf der mündlichen Befragung von lebenden Zeitzeugen für die Wissenserhebung basiert. Dabei sollen diese ihre subjektive Sichtweise darstellen.

80 Prozent des Projektbudgets gesammelt

Die soziale Fürsorge sei als ein heterogenes Gebilde von Gesetzen, Institutionen und Verfügungen, Akteuren, Motiven und Diskursen zu begreifen und zu analysieren, heisst es in der Mitteilung der Direktion des Innern. «Indem der Untersuchungszeitraum der Zuger Forschungsarbeit bis 2020, also bis in die unmittelbare Gegenwart hineinreicht, können auch aktuelle Entwicklungen der sozialen Fürsorge aufgegriffen werden», erklärt der zuständige Regierungsrat Andreas Hostettler.

Was die Finanzierung des Forschungsprojekts angehe, seien über 80 Prozent des Projektbudgets von 900000 Franken gesichert, heisst es weiter. «Es brauchte viel Überzeugungsarbeit und Fingerspitzengefühl», gibt Hostettler zu. «Es sollte niemand zu einer Finanzierung gedrängt werden, sondern aus Überzeugung, dass es das Projekt braucht, mitmachen.» Der Einsatz aller Beteiligten habe sich gelohnt, ist er sich sicher. «Zufrieden sind wir aber erst, wenn die Finanzierungslücke bis Ende Juni geschlossen werden kann.» Zurzeit fehlen laut Kantonshomepage noch 133220 Franken. (Andrea Muff)