Die Rettung seiner Ehre

Brauchtum & Geschichte, Literatur & Gesellschaft

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Nicht nur wegen seines kahlen Schädels hat die Linke ihn mit Mussolini verglichen. Jetzt korrigiert die erste gründliche Biografie das Bild des Langzeit-Bundesrats Philipp Etter.

  • Philipp Etter posiert mit seiner Frau Maria und seinen Kindern und Enkelkindern vor seinem Berner Wohnhaus. (Bild Photopress/Keystone, um 1938)
    Philipp Etter posiert mit seiner Frau Maria und seinen Kindern und Enkelkindern vor seinem Berner Wohnhaus. (Bild Photopress/Keystone, um 1938)

Zug – Am 23. Dezember 1977 stirbt in Bern zwei Tage nach seinem 86. Geburtstag Philipp Etter, der dem Bundesrat zweieinhalb Jahrzehnte – von 1934 bis 1959 – angehört hat. Auf dem Sterbebett sagt er seinem Sohn, dem Benediktinerpater Kassian, dass er in seinem Leben viele Fehler gemacht habe. Eine Auffassung, die viele Historiker teilen, spätestens seit Etters langes Wirken an der Spitze des Departements des Innern im Gefolge der 68er-Bewegung neu bewertet wurde. Sie rückten ihn an jene autoritären Ideologien heran, die in den Dreissigerjahren und im Zweiten Weltkrieg rundherum herrschten. Hans ­Ulrich Jost sprach von «helvetischem Totalitarismus», dem Etter Vorschub geleistet habe. Aram Mattioli sah in ­Etters Konzept der «Geistigen Landesverteidigung» Gonzague de Reynold am Werk, «den profiliertesten Kopf der autoritären Rechten in der Schweiz». Und Jakob Tanner witterte in den «Pathos­formeln» von Etters vielen ­Reden beides: einerseits deutliche ­Distanz zum «Dritten Reich», andererseits eine «unheimliche Öffnung hin auf die Weltanschauung des Nationalsozialismus».

Ein Schatz an Reden, Schriften und Briefen

Hatte Philipp Etter also recht, wenn er an einer Diskussion die Hoffnung ausdrückte, «dass nicht jeder Unsinn ausgegraben wird, den ich vor Jahrzehnten schrieb und aussprach». Nun, jetzt kann man es überprüfen. Denn «Etternell», wie der im Volk überaus populäre Bundesrat wegen seiner langen Amtszeit gern genannt wurde, hat gerade seine erste wirklich fundierte Biografie bekommen.

Verfasst hat sie Thomas Zaugg, der Etters Privatnachlass geordnet und damit eine enorm ergiebige Quelle erschlossen hat, auf welche die Historiker bisher nicht zurückgreifen konnten. Zaugg korrigiert vieles. Vor allem aber: Er ordnet neu ein und legt dabei jene 68er-Brille zur Seite, die weder Philipp Etter noch seiner Zeit gerecht werden kann. Er zeichnet ein breites Panorama der schwierigsten Jahre, welche die Schweiz je durchzustehen hatte. Dass Etter selbst in Reden, Schriften und jeder Menge Briefen über diese Zeit intensiv nachgedacht hat, kommt seinem Biografen dabei enorm entgegen.

Man braucht ihn, also wird er Bundesrat

Ins Amt kommt Philipp Etter 1934 widerstrebend. Denn eigentlich kann sich der 42-jährige Zuger Ständerat und Chefredaktor der «Zuger Nachrichten» mit seinen zehn Kindern das bescheiden entlöhnte Regierungsamt in der Hauptstadt finanziell gar nicht leisten. «Die Leute überschätzen mich», erklärt er selber. Und seine Mutter findet, ihr Sohn sei auch nicht intelligent genug. Doch sowohl die Freisinnigen wie seine eigenen Katholisch-Konservativen brauchen ihn, denn sie suchen einen gemässigten Ersatz für den Freiburger Jean-Marie Musy, der immer weiter nach rechts abgedriftet ist – zu jenen Fronten, die seit 1933 ebenso von einer autoritär erneuerten Schweiz träumen wie Gonzague de Reynold.

Etter träumt auch von Erneuerung, aber es ist eine andere, demokratische und föderalistische Erneuerung, die er propagiert und auf die er eine schwankende katholische Jugendbewegung ­verpflichten will. Richtschnur ist ihm die Religion, geprägt haben ihn die Stiftsschule Einsiedeln und ein Katholizismus, der stark sozial ausgerichtet ist. Weshalb Etter denn auch schon früh für die Schaffung der AHV und einer Kranken- und Unfallversicherung eintritt.

Der orientierungslose Innenminister

Natürlich hat dieser Magistrat auch seine blinden Flecken. Ein christlich geprägter Antisemitismus ist ihm nicht fremd, und so sieht er denn erst mit der Zeit, wes Geistes Kind dieser Hitler ist. Dessen Gewalttätigkeit allerdings erschreckt ihn schon früh, einmal fängt er sich einen Verweis von Aussenminister Giuseppe Motta ein, als er Hitler als «Verbrecher» bezeichnet. Mit dieses Verbrechers Gehilfen im diplomatischen Dienst wird er es dann spätestens 1940 weit mehr zu tun bekommen, als ihm lieb ist – wenn nämlich all die deutschen Beschwerden gegen die Schweizer Presse auf seinem Pult landen.

In diesem ersten Kriegsjahr ist die Schweiz akut bedroht und tief verunsichert, und tief verunsichert ist auch Philipp Etter, der wieder einmal von Erneuerung spricht – und zwar so wolkig, dass man allerhand in seine Worte ­hinein interpretieren kann. Er wirkt orientierungslos, stellt Thomas Zaugg fest, aber er lässt die rechtsextremen Kreise doch nicht wirklich nah an sich heran. Und er krebst rasch zurück, als er den Widerstand demokratischer Kreise spürt.

Zuletzt bleibt dem Katholisch-Konservativen ein autoritäres Staatsmodell doch fremd, vom nationalsozialistischen Gedankengut ganz zu schweigen. Das hat Philipp Etter im Jahr zuvor bewiesen, als er nach einigem Zögern seine Vorlage zur Kulturpolitik präsentiert und die Landesausstellung eröffnet hat. In deren Ausgestaltung greift Etter nur einmal ein, als er Kritik an einem geplanten «Saal des Stammbaumes» übt: Die Schweiz solle nicht eine Gemeinschaft der Abstammung sein, sagt er, sondern eine «Gemeinschaft im Geiste». Dass in ihr viele Flüchtlinge keinen Platz finden und abgewiesen werden, bleibt ein dunkles Kapitel. Etter trägt eine restriktive Flüchtlingspolitik mit. Unklar bleibt, ob er dies aus eigener antisemitischer Einstellung tut. Oder weil er sieht, was die Flüchtlingshelferin Regina Kägi-Fuchsmann in Arbeiterkreisen beobachtet, wenn sie darüber staunt, «wie stark der Antisemitismus in unserem Volke noch lebendig war».

Wahrscheinlich ist auch hier die Wahrheit nicht einfach schwarz oderweiss. (Rolf App)