Urbane Nichtigkeiten und grobe Farbfetzen

Kunst & Baukultur

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Die Fotografien von Lukas Hoffmann sind auf den ersten Blick das pure Gegenteil von Adrian Schiess’ archaischer Malerei. Der Besucher erlebt ein Wechselspiel zwischen zwei Kunstrichtungen mit völlig unterschiedlicher Ausprägung.

  • Lukas Hoffmann (Bild) beseelt mit seinen Fotografien das Unspektakuläre, und Adrian Schiess fokussiert sich auf die Wirkung von Farbe. (Bilder Maria Schmid)
    Lukas Hoffmann (Bild) beseelt mit seinen Fotografien das Unspektakuläre, und Adrian Schiess fokussiert sich auf die Wirkung von Farbe. (Bilder Maria Schmid)

Zug – Von langer Hand war Lukas Hoffmanns erste Einzelausstellung im Kunsthaus Zug geplant. Dies war insofern erforderlich, als Hoffmann generell langsam arbeitet und vergleichsweise wenig produktiv ist – dies im positiven Sinne: Seine Fotografien verlangen ihm höchste Behutsamkeit und Sorgfalt ab, Zeit brauchen sie, viel Zeit. Just zum Ausstellungsbeginn war schliesslich das letzte der rund 80 vorwiegend neuen Werke fertig, welche jetzt die schneeweissen Räume zieren.

Im Alter von 14 Jahren hat der in Steinhausen ZG aufgewachsene Hoffmann (*1981) mit analoger Fotografie begonnen und ist ihr schliesslich treu geblieben. Es habe nichts mit Nostalgie zu tun, betont er – «ich betrachte es als Handwerk und lege grossen Wert darauf, jeden Schritt im Entstehungsprozess eigenhändig vorzunehmen.»

Für das richtige Bild würde er weit fahren

Der in Paris ausgebildete und heute in Berlin lebende Zuger sucht bewusst unspektakuläre Motive – vorderhand aus seiner Umgebung –, deren Strukturen und Formen er unter Einbezug von Licht und Schatten in Szene setzt. Seine Fotowerke, vorwiegend schwarz-weiss und in Grossformat, manche mehrteilig, zeigen Hausecken, Hofeinfahrten, Garagentore, Zäune, Mauerabschnitte… – urbane Nichtigkeiten, die man im Alltag kaum eines flüchtigen Blickes würdigt. Lukas Hoffmann beseelt sie mit scharfem Auge. Punktuell erhalten seine Bilder einen zusätzlichen Effekt, indem sie als installative Komponente übereck an der Wand positioniert sind. Ein Teil seiner Werke im Kunsthaus Zug – darunter auch eine Dreifachdiaprojektion – ist 2016 in New York entstanden, als Hoffmann als Zuger Atelierstipendiat in der Metropole arbeitete.

Der Aufnahmezeitpunkt ist mit höchstem Bedacht gewählt, oft sucht Hoffmann den Ort mehrfach auf, steht die Sonne genau richtig, bleiben ihm wenige Minuten oder gar Sekunden für den Auslöser. «Für das richtige Bild würde ich weit fahren», unterstreicht der Zuger seinen Anspruch an sich selbst. Eine Werkgruppe zeugt von Hoffmanns jüngstem Vorstoss in neue Gefilde. Zu sehen sind Menschen oder Teile von ihnen – sie alle sind von hinten abgelichtet und bleiben so unerkennbar, denn niemand wusste davon, fotografiert zu werden. «Es ist keine typische Street Photography», erklärt Hoffmann hierzu. «Ich suchte meinen eigenen Zugang.» Nämlich denjenigen des «Blindfotografierens»: Ohne in den Sucher zu schauen, die Kamera unauffällig in der Hand haltend, schiesst Hoffmann die Bilder unbemerkt innerhalb einer Ansammlung von Menschen. Diese Werkreihe steht stark im Kontrast zum vorwiegend Starren, Statischen in seinen übrigen Exponaten.

Streng durchdachte Planlosigkeit

Als zeitgenössische Fotografie mit einer dezidierten eigenen Bildsprache würdigt Kunsthausdirektor Matthias Haldemann die gezeigten Werke von Lukas Hoffmann zusammenfassend. «Die Fotografien wirken auf den zweiten Blick wie Malerei.» Und Malerei avancierter zeitgenössischer Art findet sich denn auch in den beiden Ausstellungsräumen im Südflügel des Kunsthauses. Eine ausgesuchte Werkgruppe von Adrian Schiess (*1959) aus der hauseigenen Sammlung wird in einer Art präsentiert, wie es der renommierte, in Zürich lebende Künstler selbst noch nie getan hat. 426 gesammelte Farbnotizen auf Papierfetzen und Fragmenten ordnet der Künstler in eigens entworfenen, vitrinenartigen Schautischen scheinbar planlos, aber in Wahrheit streng durchdacht an. In ihrer unmittelbaren Nähe liegt eine grossformatige, lackierte Verbundplatte auf dem Boden, die je nach Tageslicht und Spiegelung ihren Gelbton und ihre Wirkung variierend entfaltet. Über die Platte lässt sich Schiess’ Farbvokabular in den Tischen ausloten. «Wirkung und Wahrnehmung von Farbe sowie ihre Veränderung sind zentral bei Schiess’ Arbeitsweise», sagt Kurator Marco Obrist.

Schiess hat sich von Anbeginn an jeglicher stilistischer Schubladisierung verwehrt, liess sich damals in den frühen 1980ern weder dem Minimalismus, noch dem Neoexpressionismus zuordnen, sondern sieht sich dazwischen – irgendwo. Für ihn zählt vorderhand die Suche nach individuellen Farbtönen; ihre Anordnung und Verdichtung, das sind tragende Komponenten für Adrian Schiess, nicht etwa «falsche» Ästhetik. Zu «schön» soll ein Werk nicht werden, indem es etwa die Konventionen klassischer Malerei zu erfüllen droht.

Von dieser Haltung zeugen Schiess’ grosse «Fetzen» – offenbar spontan und grob zurechtgerissene Elemente aus Bodenbelagskarton werden von Schiess in einem ausgedehnten Bearbeitungsprozess eingefärbt. Wie und in welcher Ausrichtung man sie sich an die Wand hängt, gibt der Künstler nicht vor. Auch hier stösst Schiess ein Ausloten an: «Dasjenige der Wechselwirkung zwischen Werk und Betrachter», erläutert Matthias Haldemann.

Diese Wechselwirkung lässt sich nun ausdehnen auf die Fotografien von Lukas Hoffmann. Es ist keine Gegenüberstellung der beiden Künstler, allein durch den Umstand, dass die Werkgruppen räumlich klar getrennt sind. Aber die aufmerksame Besucherschaft mag in einigen von Hoffmanns Fotografien durchaus ähnliche Formen finden, wie sie sie bei Schiess ausgemacht haben. (Andreas Faessler)

Hinweis
Lukas Hoffmann und Adrian Schiess im Kunsthaus Zug. Ausstellung 26. Januar bis 17. März.