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Dirigent Davide Fior hat mit den cantori contenti einen Abend aufgezogen, der Kunst und Wissenschaft verbindet. Bei Kaffee und Kuchen erklärten uns der Musiker und die Astrophysikerin Kathrin Altwegg, was hinter dem Konzept steckt.

Für die cantori contenti steht eine aussergewöhnliche Kollaboration bevor. Auf Haydens «Schöpfung» baut Dirigent Davide Fior mit einer Koryphäe der Astrophysik einen multidimensionalen Abend auf.
Klassische Musik serviert mit Astrophysik – Davide Fior, wie kommt man auf eine solche Idee?
Davide Fior: Der Anfang war tatsächlich gar nicht so kreativ. (Lacht.) Wir haben im vergangenen Jahr Josef Haydns «Schöpfung» im KKL in Luzern aufgeführt, ein wunderbares, aber anspruchsvolles Werk. Danach jedoch fanden wir es schade, diese Musik nur für einen einzigen Konzertabend einstudiert zu haben. Also überlegten wir uns, wie wir diese Chorsätze neu kombinieren und erneut abendfüllend aufführen könnten.
Also ging es eigentlich um Recycling?
Fior: Genau. Aber sehr schnell wurde mir klar, dass darin eine Chance liegt. Alte Werke aus neuen Perspektiven zu betrachten, sie neu zu kontextualisieren – das ist unglaublich spannend. Wäre ich Komponist, könnte ich meine Weltsicht über meinen Stil ausdrücken. Als Dirigent kann ich das nur indirekt. Ich muss andere Wege finden, um Haltung zu vermitteln. Dieses Projekt hat mir genau das ermöglicht. Aus Recycling wurde Upcycling.
Und wie blicken Sie auf die Welt?
Fior: Ganz anders jedenfalls als die Menschen in der Zeit, als die Idee «Schöpfung» entstand. Damals, als ein Volk durch die Wüste zog und Geschichten entwickelte, um sich Naturphänomene zu erklären. Anders auch als zur Zeit der Bibelentstehung – und anders als bei Haydn und seinem Librettisten Gottfried van Swieten. Heute blicken wir vielmehr aus wissenschaftlichen Perspektiven auf die Welt: Wir sprechen von Urknall
und Evolution, davon, dass das Licht der Sterne aus längst verschwundenen Galaxien stammt. Ich suchte für das Konzert mit diesem Gedanken den roten Faden – und als ich bei meinen Recherchen auf einen Vortrag von Kathrin Altwegg stiess, wusste ich: Das ist es.
Frau Altwegg – Was war Ihr erster Gedanke bei der Anfrage?
Kathrin Altwegg: Ich war sofort sehr begeistert. Die Künste sind ja nicht meine übliche Umgebung, doch interdisziplinär zusammenzuarbeiten, eröffnet immer ganz neue Welten. Da bin ich immer gerne mit dabei. Wir arbeiten in der Physik beispielsweise oft auch mit der Theologie – allein die unterschiedlichen Fragestellungen helfen oft, neue Dimensionen zu erkennen.
Was ist denn der rote Faden des Abends?
Fior: Eigentlich die Entropie.
Entropie – kann uns das die Wissenschafterin erläutern?
Altwegg: In der Physik beschreibt Entropie vereinfacht gesagt, dass die Unordnung in einem geschlossenen System immer zunimmt. Das sehen wir überall in der Natur – auch im Universum. Es dehnt sich aus, und diese Ausdehnung beschleunigt sich sogar. Am Ende bedeutet das: Erde, Sonne, Galaxien – alles wird vergehen. Unordnung nimmt zu, Strukturen lösen sich auf.
Fior: Dem entgegen wirkt das Leben. Lebewesen strukturieren in sich Materie und bündeln Energie – sie schaffen Ordnung, zumindest temporär. Wenn man dann jedoch an atomare Technologien oder die Klimakrise denkt, stellt sich die Frage: Wirken wir als Menschheit wirklich antientropisch – oder beschleunigen wir eben auch das Chaos?
Gehen wir damit auf eine politische Ebene?
Fior: Jein. Wir stellen solche Fragen, ohne parteiisch zu sein. Beobachtend, nicht wertend.
Altwegg: Das Klima erwärmt sich, die Entropie nimmt zu, mit und ohne Mensch. Der Mensch kann nur Einfluss auf die Geschwindigkeit der Klimaänderung nehmen. Da sprechen wir mehrvon Entschleunigung. Und nicht von Illusion.
Eine Illusion vom Sieg über die Natur?
Altwegg: Alle Arten sterben irgendwann aus, daran gibt es nichts zu rütteln – manche Arten nach Jahrtausenden, andere nach Millionen Jahren. Das Vergehen ist überall vorprogrammiert, auch bei uns. Interessanterweise gibt es in der Physik sogar wieder Theorien, die einen neuen Big Bang am Ende der Entwicklung in Betracht ziehen – trotz steigender Entropie.
Lili Boulangers «Hymne au soleil» oder Robert Schumanns «An die Sterne». Sonne, Mond und Sterne sind in den Titeln und Texten der Kompositionen gut repräsentiert. War das die Idee?
Fior: Teilweise ja. Bei einigen Stücken stehen Himmelskörper klar im Fokus. Bei «Laudate Dominum» hingegen geht es aber beispielsweise weniger um den Text als um die Töne. Der Komponist Urmas Sisask war ein leidenschaftlicher Laienastronom. Er nahm die Rotationsfrequenzen der Sterne, verdoppelte sie immer weiter und erschuf damit eine fünfteilige Klang-Skala: die pentatonische, sogenannte «planetarische Skala», die er zum «harmonischen Erbgut» seiner Chorwerke machte.
Kannten Sie den Herrn Sisask, Frau Altwegg?
Altwegg: Tatsächlich nicht – aber ich mag solche Spielereien. Denn im Universum gibt es unzählige Resonanzen. Konkret und einfach sieht man das an den Abständen der Planeten von unserer Sonne: Jupiter liegt da bei etwa fünf astronomischen Einheiten, Saturn bei zehn, Uranus bei zwanzig, Neptun bei dreissig. Wir sind mit der Erde eine Einheit von der Sonne entfernt. Der Grund dafür ist, dass die Planeten voneinander beeinflusst gewandert sind und sich über die Zeit in eine ganzzahlige, regelmässige Ordnung zueinander gebracht haben. Solche Harmonien musikalisch zu übersetzen, finde ich extrem spannend.
Fior: Klänge sind ja etwas Physikalisches. Und Musik ist die mathematische Übersetzung einer scheinbar imperfekten Welt in Harmonie.
Was leistet denn umgekehrt Musik für die Wissenschaft?
Altwegg: Musik spricht nicht nur den Kopf an, sondern auch den Bauch. In Vorträgen arbeite ich oft mit Bildern, manchmal mit Witzen – denn Emotionen helfen beim Verständnis komplexer Inhalte. Die Musik wirkt hier noch unmittelbarer. Sie hilft, dass Inhalte nicht beim einen Ohr rein- und beim anderen wieder rausgehen.
Wie stehen Sie zu den Texten in Haydns «Schöpfung»?
Altwegg: Ich habe jetzt persönlich keine Probleme damit. (Gelächter.) Es geht ja letztlich um die Frage, die man zur sogenannten Schöpfung stellt: das Warum oder das Wie. Die Wissenschaft erforscht das Wie. Aber die Menschen treibt beides um – und das widerspricht sich nicht, sondern ergänzt sich. Auch in der Theologie oder der Philosophie gibt es keine endgültigen Antworten – genauso wenig wie bei uns in der Physik. Wir werden den Urknall nie einholen können, er entfernt sich mit Lichtgeschwindigkeit von uns und damit auch die Antwort. Und ehrlich gesagt: Ich kann sehr gut damit leben, dass nicht alles beantwortbar ist. Sonst wäre es ja auch langweilig.
Fior: Und es ist eben oft genau dort, wo Menschen glauben, diese Antworten gefunden zu haben, entstehen dann die Probleme und Konflikte.
Was wünschen Sie sich, was die Besucher*innen von dem Abend mitnehmen?
Altwegg: Das Bewusstsein dafür, wie einmalig unsere Welt ist. Wie «munzig» klein und wie kurzlebig unser Platz darin. Und gleichzeitig, dass wir ein Teil des grossen Ganzen sind. Und dass wir für dieses grosse Ganze auch Verantwortung tragen.
Fior: Ich denke da an eine Geschichte des Wissenschafters Neil deGrasse. Er erzählte in einem seiner Youtube-Videos, dass er in einem Kunstkurs Kürbisse zeichnen musste – und das völlig sinnlos fand. Am nächsten Tag lautete der Auftrag, den Raum zwischen den Kürbissen zu zeichnen. Da sei für ihn klar geworden, dass Kunst Dinge erklären kann, wo Worte alleine nicht reichen. Das ist mein Wunsch, dass die Menschen die Welt durch die Augen anderer anschauen können.
Interview: Jana Avanzini