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Alle BeiträgeDas Land ist neu, aber nicht fremd
Immer mehr deutschsprachige Autoren mit Migrationshintergrund treten in Erscheinung. Die Literarische Gesellschaft Zug lädt nun sechs solcher Schriftsteller ein.

«Die deutsche Sprachlandschaft ist offen für Neuzuzüger, sie ist offen für ihre Themen und Experimente. Schreibende aller Länder finden in ihr eine zweite Heimat.» Adrian Hürlimann, Präsident der Literarischen Gesellschaft Zug, spricht von einem «sprachlichen Integrationsprozess, der frische, authentische Literatur zeitigt».
Kein Wunder also, lädt die «Literarische» Anfang April sechs deutschsprachige Autoren mit Migrationshintergrund sechs Schreibende im neuen Land – zu einer Leserunde in den Burgbachkeller ein.
Ein neuer Schwerpunkt
2013 startete die Literarische Gesellschaft ihr neues Veranstaltungsgefäss «Literatur kompakt» mit grossem Erfolg: Ein Wochenende soll der Literatur gewidmet sein, mit thematischem Schwerpunkt. Im vergangenen Jahr gaben sich sieben Berliner Autorinnen in Zug die Ehre: «Es wäre einfach gewesen, dieses Jahr erneut Autoren aus Berlin nach Zug zu bitten», sagt Armin Oswald vom Vorstand der Literarischen Gesellschaft, «aber wir wollten heuer einen anderen, neuen Schwerpunkt setzen.» Und der bietet nun eben der Fraktion deutschsprachiger Autoren mit Migrationshintergrund ein Forum: «Schreiben im neuen Land», so ist das Wochenende betitelt. Und Armin Oswald fügt an: «Wir haben bewusst das Wort ‹neu› gewählt und nicht das Wort ‹fremd›.» Der literaturbegeisterte Architekt, ein langjähriges Mitglied der Zuger Kulturkommission und der Innerschweizer Filmfachgruppe, gibt gleichzeitig zu bedenken: «Es ist ein Riesenschritt für alle Immigranten, auf Deutsch zu schreiben – ich habe grossen Respekt davor.»
Das Verständnis stärken
Seine Erwartungen an das Wochenende hören sich so an: «Neugier und Offenheit sollen geweckt werden keine Selbstverständlichkeit in Zug, einer Stadt, die mit der ganzen Welt vernetzt ist, im Guten wie im Schlechten.» Man wolle das Verständnis für europäische und mitteleuropäische Kultur stärken. Adrian Hürlimann formuliert es wie folgt: «Zug, Wohnort von 127 Nationen, Standort globaler Unternehmen, Hort eines gewichtigen Übersetzerpreises, sucht die Weltoffenheit.»
Ein politischer Flüchtling
Dieser Weltoffenheit geben am kommenden 5. und 6. April im Theater im Burgbachkeller folgende sechs Autoren ein Gesicht: Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Rumänien, heute wohnhaft in Zürich; Léda Forgó, geboren 1973 in Ungarn, heute zu Hause in Schleswig-Holstein; Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Aserbaidschan, heute beheimatet in Berlin; Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, heute mit Wohnsitz in Berlin; Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, heute zu Hause in Wien; Yoko Tawada, geboren 1960 in Japan, heute daheim in Berlin.
«Khider ist der einzige politische Flüchtling unter den sechs Autoren», geht Armin Oswald ins Detail. «Er ist ein Shootingstar, aber auch Florescu ist sehr populär.» Olga Grjasnowa sei noch nie in der Schweiz gewesen, und speziell die Bücher von Léda Forgó hätten ihm sehr gut gefallen. «Sie hat wohl den extremsten Wechsel erlebt und in ihren Büchern verarbeitet.» Die deutsche Schriftstellerin Katharina Hacker sagt über Forgó und deren zweiten Roman: «Das Aussergewöhnliche an Forgó ist nicht einmal, dass sie so unglaublich begabt ist, sondern wie sie in ihrem neuen Roman zeigt, was Identität ist dieser so aufgeblasene wie abgenutzte Begriff wird in ‹Vom Ausbleiben der Schönheit› anschaulich als das Einzige, was einen Menschen zu retten vermag.»
Geballte Literatur
Identität frühere, jetzige, wechselseitige. Ein Wochenende lang wird sie im Burgbachkeller ein Thema und vielleicht auch in gesprochener oder gehörter Form greifbar sein. Am Samstag, 5. April, wird Bildungsdirektor Stephan Schleiss ein Grusswort halten. Am Sonntag, 6. April, moderiert die Schriftstellerin Ilma Rakusa eine Gesprächsrunde. «Ich bin gespannt auf alle sechs Autoren und Autorinnen», blickt Adrian Hürlimann dem diesjährigen «Literatur kompakt» mit Neugier entgegen. (Susanne Holz)
HinweisMehr Infos unter www.literarische.ch sowie unter www.burgbachkeller.ch