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Alle BeiträgeIm Gespräch mit Anna Rosenwasser
Für das Format «Politik durch Kultur» hat die Galvanik nationale und lokale Politikerinnen eingeladen.

Anna Rosenwasser hat nur eine persönliche Erinnerung an den Kanton Zug. Sie liegt fast genau ein Jahr zurück. Damals lud die Zürcher SP-Nationalrätin zu einem Abend mit dem Thema «Auftrittskompetenz» in die Gewürzmühle Zug. Sie wollte den Besuchenden etwas Besseres bieten als jenen Workshop zu einem ähnlichen Thema, den sie einst selbst besucht hatte.
«Seid Königinnen, keine Prinzessinnen», hiess es da, und man solle «würdig lächeln». Wer Rosenwassers politisches und aktivistisches Schaffen verfolgt, weiss: Sie kritisiert Haltungen und Aussagen, die klar auf geschlechtertypische Klischees zurückführen sind.
Babys je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt
Rosenwasser erzählt die Anekdote auf der Bühne der Galvanik, wo sie wenig später aus ihrem Buch «Herz» vorlesen wird. Das Publikum will hören, was Rosenwasser zu sagen hat. Denn das ist einiges. Seit über einem Jahrzehnt nennt sich die 35-Jährige Feministin. Sie kämpft für Gleichstellung und Menschenrechte, setzt sich für jene ein, die in und von der Gesellschaft «weniger ernst genommen werden» als sie selbst. Homosexuelle etwa. Oder Transmenschen.
Rosenwassers Buch trägt den Untertitel «Feministische Strategien und queere Hoffnung». Es bestehe aus «so viel Wut wie nötig und so viel Liebe wie möglich». Sie schreibt darin über gesellschaftliche Machtverhältnisse, wie sie ihre eigene Sexualität entdeckt und akzeptiert hat, warum sie «hässig» ist auf das Zürich Pride Festival – und über Babys. Diese Passage liest sie im Zuger Scheinwerferlicht vor, 80 Ohrenpaare hören aufmerksam zu.
Hier ein kurzer Ausschnitt: «Die Autorin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach zitiert in ihrem Buch ‹Revolution der Verbundenheit› eine Studie, die mich stigelisinnig macht. Eltern loben männliche Babys für ihre Anstrengung, ihre Strategie, für ihre Versuche, etwas anzugehen. Weibliche Babys hingegen werden für das Ergebnis gelobt oder für Eigenschaften. Die Kinder aber, die eher für ihre Bemühungen und den Prozess des Lernens gelobt werden – also das ‹Prozesslob›, das vor allem männliche Babys und Kinder erhalten –, zeigen langfristig eine höhere Motivation, Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, und Anpassungsfähigkeit.» In welchen geschlechtlichen Vor- und Nachteilen das gemäss Rosenwasser resultiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Wann gibt es Jungs-Power-Wochen?
Die Lesung war Teil der Veranstaltungsserie «Politik durch Kultur» der Galvanik. Ein Format, das im aktuellen Jubiläumsjahr «noch mehr ausgebaut» werde, wie es in einer Medienmitteilung des Kulturzentrums heisst. Dafür holte die «Galsche» am Donnerstag auch lokale Politprominenz ins Haus: Jill Nussbaumer, Zuger FDP-Kantonsrätin und Co- Präsidentin von Queer Zug. «Queer» bedeutet, ganz einfach gesagt, nicht heterosexuell. Unter der Leitung von Moderatorin Vera Steinmann sprach Jill Nussbaumer mit Jasmin Bärtschi, Präsidentin von SP queer, und mit Anna Rosenwasser über Homosexualität, Hass im Netz und Feminismus.
Eine Geschichte der 33-Jährigen sorgte kollektiv für Irritation. Als Kind sei Nussbaumer in einer «Mädchen-Power-Woche» gewesen. «Wir haben dort Selbstverteidigungsstrategien gelernt. Wie wir uns körperlich wehren können, vor allem gegen Jungs», so die Politikerin. Damals habe sie das nicht hinterfragt, doch heute sagt sie: «Wann gibt es endlich Jungs-Power-Wochen?» Schliesslich sollten nicht Mädchen lernen müssen, wie sie sich zu verteidigen hätten, sondern Jungs, wie man sich korrekt verhalte. Dem hatten auch ihre Mitrednerinnen nichts mehr beizufügen.
HinweisAnna Rosenwasser; «Herz», Rotpunktverlag, 2025, 240 Seiten, ISBN: 978-3-03973-055-1
(Text: Kristina Gysi)