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Verlorene Idylle

In Edwin Beelers neuem Film blickt er auf das Leben und auf den Suizid seines Grossvaters. Bei einem Spaziergang durch Oberägeri spricht der Regisseur über seinen bisher persönlichsten Film.

Edwin Beeler und seine Mutter Anna Beeler. (Bild: Anna Maysuk)
Edwin Beeler und seine Mutter Anna Beeler. (Bild: Anna Maysuk)

Oberägeri – Dieser Artikel erschien in der Januar/Februar-Ausgabe 2026. 
 

Es ist einer dieser Tage, an denen der Himmel so tief hängt, dass das gegenüberliegende Seeufer verschwindet. Der Ägerisee wird zum Meer. Das Dorf Oberägeri, über dem eine zünftige Schicht Neuschnee liegt, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Fährt gerade kein Porsche Cayenne um die Ecke, lässt sich schwer feststellen, ob es sich um das Jahr 2025 oder 1980 handelt.
Edwin Beeler stapft durch den Neuschnee. Das Dorf, durch das er geht, kennt er, seit er denken kann. Für den Luzerner Filmemacher ist es ein Stück Heimat, hat er doch als Kind Feiertage und Ferien – manchmal gar sechs Wochen am Stück – hier bei seinen Grosseltern verbracht. «Im Winter, wenn der Nebel im Tal hing, war der Himmel hier oben stahlblau, fast grün.» Es sind jedoch längst nicht nur fröhliche Erinnerungen, die der Regisseur mit diesem Ort verbindet.

Tief persönlich 

Während der letzten vier Jahre hat Edwin Beeler die Geschichte seines Grossvaters und insbesondere dessen selbst gewählten Tod filmisch verarbeitet. «Der Mann auf dem Kirchturm» ist das persönlichste Werk des Filmemachers. Und ielleicht auch sein schwierigstes. «Während der Arbeiten stellte ich mir immer wieder die Frage, ob es zulässig ist, dass ich meine persönliche Geschichte so verarbeite.» Und auch die seiner Mutter, Anna Beeler, die im Film eine tragende Rolle einnimmt und dabei viele ihrer ganz persönlichen Erinnerungen an den Vater und ihrer komplexen Beziehung zu ihm teilt. 
Beeler geht auf den Kirchturm zu, der im Film mit gutem Grund mehrmals zu sehen ist. Er klopft seine Winterschuhe vor dem Eingang ab und tritt ein. Vom blendenden, kalten Weiss hinein in die dunkle Wärme der erstaunlich grossen Kirche. «Wenn ich bei meinen Grosseltern war, ging ich sonntags mit Grossvater oder Verwandten in die Messe. Meine Grosseltern waren gläubig, jedoch nicht im dogmatischen Sinn.» Beeler zeigt auf das Fresko über dem Altar, sagt: «Dieses Bild, auf dem Oberägeri zu sehen ist, hat mir stets gefallen.» Dann blickt er hinter sich, zeigt auf die rechte Ecke: «Ungefähr dort sass mein Grossvater.»
Als Dachdecker und Schornsteinfeger erklomm dieser seiner Zeit die Dächer und Türme in der Umgebung. Auch auf jenen dieser Kirche, wie eine alte Fotografie beweist. Als Chämifäger liebte er das Hinaufklettern und die Höhe. Bis sie ihm zum Verhängnis wurde. 1973 stürzte er während der Arbeit von einem Scheunendach. Er überlebte den Unfall zwar schwer verletzt. Mit dem Sturz starb jedoch ein beachtlicher Teil seiner Identität, denn arbeiten konnte der Oberägerer nie mehr. Seine Gemütslage verschlechterte sich. Heute würde man wohl von einer Depression sprechen. Sie kam so schleichend, dass sie von seinem Umfeld nicht bemerkt wurde. Am 19. April 1989 nahm er sich das Leben – es ist der Tag, an dem Edwin Beeler Geburtstag hat.

Zurück in die Kindheit

Der Filmemacher tritt aus der Kirche hinaus ins grelle Weiss, welches den Friedhof überdeckt, in dem einst auch sein Grossvater ruhte. Das Grab wurde längst aufgehoben. Beeler mag Friedhöfe. Auch als Kind machten sie ihm nichts aus. Im Gegenteil. «Wenn ich für meine Grosseltern Brot kaufen musste, wählte ich den Weg hier durch, um nicht von den anderen Kindern geplagt zu werden.» Das Thema Tod beschäftigt den Filmemacher, seit er jung ist. Das widerspiegelt sich auch in einigen seiner Dokumentarfilme. Mit dem Thema Suizid befasst sich Beeler in seinem neusten Film indes zum ersten Mal. 
Beeler läuft über das vom Schnee rutschige Trottoir in Richtung Alosenstrasse, wo das Haus seiner Grosseltern noch immer steht. Als er davorsteht, hält er inne. Er blickt nach oben, zu den gebogenen Fenstern des mittlerweile ausgebauten Dachgeschosses, auf dem früher der Estrich lag. Als Kind durchforstete er dort Schubladen nach Fotos, traf auf Dokumentationen vergangener Zeiten, auf Porträts verstorbener Menschen. «Das faszinierte mich. Einmal klebte ich die Fotos in ein Album ein, mein Grossvater ergänzte sie mit Text. Ich mochte es schon damals nicht, wenn man unachtsam mit Erinnerungen umgeht.»

Die Suche nach Antworten

Beeler blickt über die Strasse, zeigt auf den Dorfbach, der heute verbaut der Strasse entlangfliesst. «Hier habe ich als Kind stundenlang gespielt.» Er zeigt auf das Mühlenrad, das rund hundert Meter oberhalb des Hauses steht. «Mithilfe eines Episkops veranstalteten wir einmal im Keller eine Kinovorstellung. Mit Grossvaters Schreibmaschine bastelten wir Kinobillette und verteilten sie in der Nachbarschaft. Die einzige Person, die zur Vorführung kam, war die betagte Mühlifrau. Natürlich musste sie danach sagen, dass die Vorstellung gut war.» Zwei Jahrzehnte später, als Edwin Beeler 31 Jahre alt war, nahm sich sein Grossvater im selben Raum mit einer Hasentöter-Pistole das Leben. Einen Abschiedsbrief hinterliess er nicht.
Seither ist viel Zeit vergangen. Viele Fragen bleiben. Im Film «Der Mann auf dem Kirchturm» versucht Edwin Beeler mithilfe von Gesprächen mit Verwandten und Menschen aus dem Dorf, Antworten auf sie zu finden. Und eben auch mit seiner Mutter, der Tochter des Verstorbenen. Sie erinnert sich darin beispielsweise genau, dass sie damals, als das Telefon klingelte, schon wusste, dass etwas nicht stimmte – noch bevor sie die Nachricht vom Suizid ihres Vaters erhielt. Mittlerweile konnte sie damit abschliessen und deshalb auch öffentlich darüber sprechen. Ob er je Wut verspürt habe auf seinen Grossvater? «Nein», lautet die klare Antwort. «Auch wenn ich die Tat nie fassen konnte.» Die Frage, wie es so weit kommen konnte, treibt ihn um.
Beeler steht vor dem Haus, das im Dorf dereinst «Steinhaufen» genannt wurde, und hält einen Moment inne. Dann dreht er sich um und stapft in Richtung einer alten Scheune. Edwin Beeler durfte hier als Bub während der Kirschernte mithelfen oder mit den Kindern vom Bauernhof heuen gehen. Er blickt auf den Hang, auf dem sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus reiht. «In den 60ern lag hier noch eine grosse Wiese mit unzähligen Kirschbäumen. Diese Veränderung zu sehen, treibt mir immer noch die Tränen in die Augen. Auch wenn mir bewusst ist, dass man im Nachhinein vieles idyllisiert.»

Auch ein Appell

«Der Mann auf dem Kirchturm» thematisiert nicht nur Beelers persönliche Familiengeschichte und die Erfahrungen seiner Mutter. Es geht auch um Gentrifizierung und den Verlust des Dorfes, der kulturellen Identität. Viel hat sich in Oberägeri verändert, bei wohlhabenden Expats ist die Gemeinde beliebt, oft hört man hier Menschen Englisch sprechen. Nur wenige der vielen Beizen, die während der 60er belebt waren, existieren noch heute. «Die Gesellschaft ist tot», sagt der ehemalige Bürgerpräsident Alois Rogenmoser im Film prägnant. Und tatsächlich dauert es an diesem Nachmittag eine ganze Weile, bis wir eine offene Beiz finden, um uns bei einem Kaffee aufwärmen zu können. Viele Bücher zum Thema Suizid hat Edwin Beeler in den letzten Jahren gelesen. Auch solche von Menschen, die selbst betroffen waren und zwischen Entschluss und Tat Tagebuch führten. Die für Beeler wichtigste Erkenntnis daraus: «Ich habe realisiert, dass niemand Schuldgefühle haben muss, wenn jemand im Umfeld Suizid begeht. Das ist sehr wichtig. Dass sich mein Grossvater das Leben nahm, war sein eigener Entscheid.» 
Der Regisseur nimmt einen Schluck Kaffee und sagt weiter: «Klar könnte ich mir Gedanken darüber machen, dass er es an meinem Geburtstag tat. Doch gehe ich heute davon aus, dass er das gar nicht realisiert hatte. Verschiedene Faktoren sprechen dafür, dass er vor der Tat nicht mehr klar denken konnte.»
Wie die meisten Menschen zu jener Zeit, so war auch Beelers Grossvater keiner, der über sein Innenleben sprach. Im Dorf und auch in der Familie wurde er stets als starker, respektabler Mann wahrgenommen. «Noch immer sind viele Männer so sozialisiert, dass sie Leistung und Stärke grossen Stellenwert beimessen. Doch wäre es sehr wichtig, dass sie darüber sprechen könnten, wenn es ihnen nicht gut geht, und sich auch nicht davor scheuen, sich professionelle Hilfe zu holen.»

Text: Valeria Wieser


 

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