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Alle BeiträgeVon Rettung, Verlust und Neubeginn
In einer humanitären Aktion gelang es, afghanische Intellektuelle nach Europa zu retten – manche von ihnen sind nun in Zug.

Drei von ihnen sind da. Sie, von denen wir in den Medien gehört haben. Sie, die seit der Machtübernahme der Taliban 2021 in Afghanistan an Leib und Leben gefährdet und in ihrem Denken und Schaffen paralysiert waren. Sie, deren Köpfe dieselben Werte reflektieren, die auch uns in Europa teuer sind: Demokratie, Menschen- und Frauenrechte, freie Meinungsäusserung, Akzeptanz ethnischer Vielfalt. Humanitas, abendländisch ausgedrückt.
Weil sie daran auch im Herzen Asiens glaubten, sind sie jetzt hier, in der Schweiz, in Zug, in der Gewürzmühle. Wären sie nicht hier, gäbe es sie vielleicht nicht mehr: die Schriftstellerin und Soziologin Sabera Aitabar, den Philosophiedozenten und Literaturkritiker Azim Basharmal und die Wirtschaftswissenschaftlerin Najibah Zartosht.
Nähe zwischen sehr verschiedenen Welten
Als intellektuell Exponierte – als feministisch und religionskritisch Forschende oder an Anti-Taliban-Kampagnen Beteiligte – waren sie nach dem 15. August 2021 in Kabul besonders gefährdet. Heute leben sie als anerkannte Flüchtlinge in Zug – dank einer engagierten Aktion des Deutschschweizer Zentrums der Schriftstellervereinigung PEN. Die Initiative ging von der Autorin und Menschenrechtsaktivistin Sabine Haupt aus – auch sie ist in der Gewürzmühle zugegen; und die vom Literaturhaus Zentralschweiz organisierte Lesung beginnt mit ihrer Schilderung.
Sie nennt die Aktion «das tollste Abenteuer meines Lebens», beschreibt die migrationspolitischen Hürden und bezeichnet es als ein «Wunder», dass dennoch fast hundert afghanische Intellektuelle mit ihren Familien in die Schweiz und nach Deutschland, Frankreich und Spanien gerettet wurden.
Die Ankunft der Geflüchteten am Flughafen beschreibt sie mit blitzenden Augen: «Endlich waren sie da, und wir, die wir uns bislang nur von ferne kannten, fielen einander in die Arme.» Die plötzliche Nähe zwischen weit auseinanderliegenden Welten steht als bemerkenswertes Gefühl im Raum und ergreift ein fast fünfzigköpfiges, aufmerksam lauschendes Publikum.
Eindrücke von Exilanten
Von Gastgeberin Susann Wintsch befragt, tasten die drei afghanischen Gäste nach Worten, um ihr «Jetzt» zu beschreiben. Sabera Aitabar muss sich jeden Morgen beim Aufwachen den Satz «Ich bin in der Schweiz» laut vorsagen, wie ein Mantra gegen das, was hinter ihr liegt, sie aber nicht loslässt. «Langsam wirkt es», sagt sie lächelnd, «ich muss ja jetzt mein Leben hier führen.»
Zwischen täglichen Nachrichten aus der alten Heimat und beruflicher Neuorientierung in der neuen «verliert man zunächst die Zugehörigkeit». Seit November 2025 dolmetscht sie für das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks). Auf Persisch zu schreiben ist aber noch schwierig: «Es ist, als ob die Einheit in lauter Teile zersprungen sei», sagt sie. Der Text, den sie vorliest, handelt von ihrer Schwester Anisa, die mit sechs Kindern auf dem Land lebte und deren Mann von den Taliban abgeholt und erschossen wurde.
Azim Basharmal fühlt sich einerseits glücklich, weil er in Sicherheit lebt, Deutsch lernt, einen Job sucht und – einen dreijährigen Sohn hat. Aber «life is suffering and struggling», das Leben ist voller Leiden und Kämpfe. Ihn beeindruckt, dass es auch Zuger gibt, die ihre Heimat verlassen müssen – weil sie zu teuer ist. Er kann noch schreiben, und der Text, den er liest, heisst «Kinder in finsteren Zeiten» und ist den Neugeborenen gewidmet, die im Mai 2020 in einer Kabuler Entbindungsstation ermordet wurden.
Für seine Frau Najibah Zartosht steht vor allem der stellvertretende Einsatz für die Frauen Afghanistans im Zentrum: «Not to be silent, to raise my voice for those who cannot.» Sie schildert voller Temperament, wie sie mithilfe eines schweizerisch-afghanischen Freiwilligenteams die Online-Plattform «Afghanistan Women’s Voice» gegründet hat, die in persischer und englischer Sprache Berichte, Analysen und Recherchen über die prekäre Lage der Frauen in Afghanistan veröffentlicht.
Drei Stimmen – ein Blick in die Tiefe des intellektuellen Erlebens von Exil und Asyl. Von einer Zuhörerin befragt, was zentral sei für das Ankommen in der neuen Heimat, antwortet Aitabar: «Freundschaften, Beschäftigung mit Kunst, die eigenen Potenziale einsetzen, nützlich sein dürfen.»
Für Basharmal ist es das Gefühl, Teil der Kultur werden zu können. Und Zartosht zählt Freiheit, Frauenrechte, gemeinsame Werte und Vielfalt der Nationen als Grund dafür auf, sich zugehörig zu fühlen. Das Ehepaar hat seinen Sohn Benjamin getauft – nach dem deutschen Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin, dessen Denken in Literatur, Kunst, Medientheorie und Publizistik ausstrahlte. (Text: Dorotea Bitterli)