Dieser Bau hat Zuger Wurzeln

Dies & Das

,

Hier gab es einst einen Bahnhof, lange bevor die Schienen durchs Dorf gelegt wurden. Heute steht das Gebäude immer noch allerdings am linken Zürichseeufer.

  • An der im Chaletstil gehaltenen Station Bäch warteten einst Chamer auf ihren Zug nach Zürich oder Luzern. (Bild Marco Morosoli)
    An der im Chaletstil gehaltenen Station Bäch warteten einst Chamer auf ihren Zug nach Zürich oder Luzern. (Bild Marco Morosoli)

Cham – Das Eisenbahnzeitalter hat im Kanton Zug erst spät begonnen und stand unter einem schlechten Stern. Die 1857 gegründete Ostwestbahn (OWB) wollte eine Linie La NeuvevilleBiel–Bern–Langnau–Luzern–Zug–Zürich bauen. Die Bahn projektierte viel, aber kaum etwas davon wurde realisiert. So verbrannte die OWB letztlich mehr Geld, als in ihren Kassen war. Die Folge: ein Schuldenberg von 8 Millionen Franken. Der Bankrott der von der Bevölkerung als «OhWe-Bahn» bezeichneten Transportunternehmung konnte nicht mehr abgewendet werden. Bei der bereits teilweise im Bau befindlichen Linie zwischen Luzern und Zürich griff die Nordostbahn (NOB) zu. 

Zur Konkursmasse, die von der NOB erworben wurde, gehörten wohl auch die ersten Pläne für einen Chamer Bahnhof. Das Markenzeichen der OWB waren Stationen im Chaletstil. Die Pläne für die Station entworfen hatte Paul Adolphe Tièche. Er war «Hofarchitekt» der OWB. Im ähnlichen Stil gehalten waren einst auch die Bahnhöfe in Rotkreuz, Gisikon und Ebikon. Von diesen drei Stationen aus der Gründerzeit der Bahnstrecke ZugLuzern steht heute aber nur noch der Bahnhof Gisikon an seinem ursprünglichen Ort. Der Chamer Bahnhof wurde 1893 abgetragen, eingelagert und im Jahre 1900 in Bäch (Gemeinde Freienbach) am linken Zürichseeufer wieder aufgebaut. Dort steht er heute noch. Dieses Baurecycling lag damals durchaus im Trend. So wurde auch der ursprüngliche Zuger Bahnhof 1897 Stein um Stein abgetragen und in Zürich-Wollishofen wieder erstellt.

Unklar ist, ob der Chamer Bahnhof einst noch unter der Regie der Ostwestbahn ausgeführt worden ist. In verschiedenen schriftlichen Zeugnissen ist die Rede davon, dass das Empfangsgebäude bereits 1859 stand. Verbrieft ist hingegen nur, dass die Nordostbahn am 30. April 1863 alle Hochbauten der Linie zwischen Zürich, Zug und Luzern ausgeschrieben hatte. Zudem forderte dieselbe Bahngesellschaft ihren Architekten Jakob Friedrich Wanner am 6. August 1863 auf, diese Stationsgebäude «in gehörigen Stand zu setzen». Dies schreibt Werner Stutz in «Bahnhöfe der Schweiz».

Der Chamer Bahnhof dürfte aber erbaut worden sein, bevor die Schienen in der Zugerseegemeinde verlegt wurden. Der erste offizielle Zug fuhr am 1. Juni 1864 am schmucken Bahnhof vorbei. An diesem Tag war das Gebäude mit reichhaltigem Blumenschmuck ausstaffiert worden. Zudem wurde der erste fahrplanmässige Zug mit Böllerschüssen begrüsst. Auf der Achse ZürichZug–Luzern verkehrten damals jeden Tag fünf Züge in jede Richtung. Speziell dabei: Zug war damals nur mit einer Stichstrecke verbunden, die von der Kollermühle in den Kantonshauptort geführt wurde. Die direkte Strecke Zürich–Luzern übers Reppischtal führte die Nordostbahn direkt aus Richtung Steinhausen über die «Sumpfweiche» nach Cham. Dieser Streckenast wurde in den 1970er-Jahren abgetragen.

1864 brauchte man mit der Bahn von Zug nach Zürich eineinhalb Stunden. Die Fahrt von Zug nach Luzern dauerte eine Stunde. Die Bahn war teuer. Eine Fahrt von Zug nach Cham kostete 25 Rappen. Dafür musste ein Fabrikarbeiter rund vier Stunden arbeiten. Trotzdem wurde das Verkehrsmittel auf Schienen im Kanton Zug freudig begrüsst. Die «Neue Zuger Zeitung» schreibt am 28. Mai 1864: «Endlich nach sechsjährigem Bau und Zuwarten – ist doch die Zeit herangerückt, wo Zug durch die nun vollendete Eisenbahn mit der übrigen Verkehrswelt näher verbunden wird.» In der gleichen Ausgabe dieser Zeitung wurde auch versucht, der Bevölkerung die Angst vor dem neuen Verkehrsmittel zu nehmen: «Die ganze Linie von Zürich über Zug bis nach Luzern wurde geprüft und die Bahn in allen Teilen als solid und sicher gebaut befunden.» Doch schon im ersten Betriebsjahr kam es zu einer leichtsinnigen Tat im Gleiskörper. Ein jugendlicher Tagelöhner hatte westlich von Cham einen grossen Stein auf die Strecke gewälzt, «um die Wirkung auf den Zug zu beobachten». Ein Unglück konnte gerade noch verhindert werden. Der Missetäter musste dafür vier Wochen ins Gefängnis und hatte zudem eine Busse von 20 Franken zu bezahlen. (Marco Morosoli)

Hinweis
Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.