«Am liebsten pflücken sie Hesse»

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Dass man im Juli nicht nur Blumen, sondern auch Gedichte pflücken kann dafür sorgt ein grosser Freund der Poesie. Sigit Susanto lässt Worte und Seele baumeln.

  • Sigit Susanto: «Gedichte sind Instrumente, um Gefühle zu zeigen.» (Bild Werner Schelbert)
    Sigit Susanto: «Gedichte sind Instrumente, um Gefühle zu zeigen.» (Bild Werner Schelbert)

Zug – Zwischen Rehgehege und Zugersee ist auf der lauschigen grünen Wiese eine Wäscheleine rundum gespannt. An dieser Leine trocknet aber nicht die Badebekleidung schwimmfreudiger Passanten nein, an dieser Leine schaukeln Worte im Sommerwind sanft hin und her. Schöne Worte natürlich – denn bei den sorgfältig getippten oder von Hand geschriebenen Texten, die auf viele bunte Blätter geklebt und an die Wäscheleine geklammert wurden, handelt es sich um Poesie.

Um Rilke und Hesse, um Trakl und Else Lasker-Schüler, «Ich wollte, es käme ein Südenwind ...» Ein solch laues Lüftchen lässt die Menschen an diesem Juliabend fröhlich am See flanieren und einige von ihnen legen einen Stopp ein bei der Wäscheleine, beginnen zu lesen und von Gedicht zu Gedicht zu gehen. Körper entspannen und Gesichter beleben sich.

Die Musik der Worte

Manch ein Passant fängt sogar selbst an zu dichten: Ein Tisch steht auf der Wiese bereit, das nötige Papier liegt ebenfalls auf. Sigit Susanto hat an alles gedacht. Der gebürtige Indonesier hängt das von den Passanten Gereimte gerne zwischen die Verse von Goethe und Schiller. Sigit Susanto sagt: «Bei jedem Gedichtepflücken liest mindestens eine Person alle Gedichte am Stück das freut mich jeweils sehr.» Seit 2009 organisiert der 52-Jährige zusammen mit der Jugendanimation Zug (jaz) und Lisa Palak diese spezielle Poesie am See. Jeden Donnerstag im Juli von 17 bis 20 Uhr. Dazu gehören auch stets ein paar kleine Knabbereien, die bereitstehen, gekocht unter anderem von Sigit Susanto. Und Musik: Zur Musik der Worte gesellt sich die Musik der Töne – die verschiedensten Musiker haben das Gedichtepflücken im Lauf der Jahre schon bereichert.

Noch gut zu wissen ist: Wer es gerne gemütlich hat, der kann sich in einen Liegestuhl legen und sich in Gedichtbänden verlieren. Auch ist es jedem überlassen, sein gepflücktes Gedicht zu rezitieren, bevor er es mit nach Hause nimmt. Sigit Susanto erzählt an diesem schönen Juliabend: «Heute hat hier schon ein Iraner ein Gedicht auf Farsi vorgetragen.» Er selbst habe zu Beginn des Abends nicht seinen Lieblingsdichter Pablo Neruda rezitiert, sondern Hermann Hesses «Gang am Abend»: «Braungebrannt und vollgesogen / Von der Fülle dieser Welt, / Fühl ich weiter mich gezogen, / Bis mein Pfad ins Dunkle fällt.»

Apropos Hesse: Laut Lisa Palak pflücken die Passanten am liebsten Hesse von der Leine. Sigit Susanto erinnert sich zudem gerne daran, dass eine Mutter einmal Schillers Gedicht «An Emma» ganz glücklich von der Leine genommen habe: «Die kleine Tochter hiess Emma.» Seither halte er immer ein Auge offen nach Gedichten, die mit einem Namen übertitelt sind.

«So etwas Schönes braucht Zug»

Der lyrikverliebte 52-Jährige erzählt lächelnd weiter: von den regelmässigen Besuchen, die der Zuger Schriftsteller Max Huwyler dem Gedichtepflücken abstattet. Und er betont: «Viele Leute sagen mir: Genau so etwas Schönes braucht Zug.» Wie viel den Menschen Poesie bedeuten kann, wird klar, wenn man sich an diesem Abend mit Leman Karatay unterhält. Die Lehrerin aus der Türkei ist für einige Monate in der Schweiz. Und hat bereits Rosen an das Grab von Rainer Maria Rilke im Wallis gelegt sowie an Thomas Manns Grab bei Zürich.

«Das Schöne an Gedichten ist», findet Sigit Susanto, «dass sie ein Instrument sind, um Gefühle zu zeigen.» Die Idee, Worte zum Pflücken an eine Leine auf einer Wiese beim Zugersee zu hängen, kam dem Literaturfreund übrigens, als er vor Jahren in Wien war. «Ein Wiener Poet brachte dort seine Gedichte auf Zetteln an ein Haus an zum Pflücken.» In Konstanz hatte Sigit Susanto einige Zeit später ein fast noch eindrücklicheres Erlebnis: Dort bot auf einem öffentlichen Platz ein arbeitsloser Bauingenieur Gedichte für einen Euro an. Will heissen, er rezitierte Storm oder Schiller, grosse Worte zum kleinen Preis. Und was wünschte sich Sigit Susanto damals vom Rezitator? Pablo Neruda? Nein, es war Hermann Hesse. (Susanne Holz)

Hinweis:
Das Gedichtepflücken beim Rehgehege am Zugersee findet nochmals morgen Donnerstag sowie am 30. Juli statt, jeweils von 17 bis 20 Uhr.