Ein wiederentdeckter Zeitzeuge

Brauchtum & Geschichte, Kunst & Baukultur

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Der knapp 150 Jahre alte Sodbrunnen beim Steinhauser Bürgerheim lag lange in Vergessenheit.

  • In den 1990er-Jahren rekonstruiert: der Sodbrunnen beim alten Bürgerheim in Steinhausen. (Bild Matthias Jurt)
    In den 1990er-Jahren rekonstruiert: der Sodbrunnen beim alten Bürgerheim in Steinhausen. (Bild Matthias Jurt)

Steinhausen – In den Jahren 1993 und 1994 wurde das ehemalige Steinhauser Bürgerheim an der Zugerstrasse einer umfassenden Sanierung unterzogen. Im Zuge dieser Arbeiten kam unmittelbar neben dem Gebäude – an der nordwestlichen Hausecke – ein Sodbrunnen zum Vorschein. Man geht davon aus, dass dieser um 1868 gleichzeitig mit dem Bürgerheim entstanden ist. Das Grundstück hatte die Bürgergemeinde anno 1862 als Schenkung erhalten. Der Brunnen versorgte das Armenhaus mit Wasser. Der mit Bruchsteinen gemauerte Rundschacht misst knapp 80 Zentimeter im Durchmesser und weist eine Tiefe von acht Metern auf.

Es handelt sich um ein für diese Art Brunnen jüngeres Exemplar, welches auch nicht allzu lange benutzt worden sein dürfte. Denn bereits im Jahre seiner Entstehung nahm die Stadt Bern etwa eine zentrale Wasserversorgung in Betrieb. Das neuartige System bewährte sich, und viele Schweizer Städte zogen in den Folgejahren nach. Nach Gründung und Inbetriebnahme der ersten Wasserversorgung in Zug im Jahre 1878 verlor das Wasserschöpfen aus Sodbrunnen rapide an Bedeutung. Viele der nach und nach stillgelegten Schächte wurden zugeschüttet und verschwanden aus dem Ortsbild.

Neue Wertschätzung

Unser Sodbrunnen beim Steinhauser Bürgerheim dürfte wohl ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts seine Funktion verloren haben. Denn in den Jahren 1902 und 1903 entstand in Steinhausen das erste Versorgungssystem mit gefasstem Quellwasser. Es wurde von Uerzlikon hergeleitet und in einem Reservoir oberhalb des Dorfes gesammelt. Jetzt floss das kostbare Nass aus Wasserhähnen, der Gang zum nächsten Brunnenschacht konnte man sich sparen. So wurde auch unser Sodbrunnen nicht mehr benötigt, wurde aufgegeben und verschwand von der Oberfläche. Bis er fast hundert Jahre später wieder entdeckt worden ist und als Zeitzeuge neue Wertschätzung erhalten hat. Eine Gartenbaufirma aus dem Freiamt nahm schliesslich die Aufgabe wahr, den alten Sodbrunnen in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Gemeinsam mit seinen Lehrlingen machte sich das Unternehmen ans Werk, stellte den Schacht instand und rekonstruierte das einst über dem Boden liegende Mauerwerk mit Sandsteinen und Mörtel. Die Öffnung wurde mit einem schmiedeeisernen Gitter versehen. Somit hat das ehemalige Armenhaus seine ursprüngliche Wasserversorgung zurückerhalten; sie ist wieder sichtbar und erzählt die Geschichte von einst. (Andreas Faessler)

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.