Ex-Dream-Team zerfleischt sich

Bühne

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Giacobbo/Müller haben vom TV auf die Bühne gewechselt und brauchen eine Therapie. Die Produktion, die in Winterthur uraufgeführt worden war, bot auch im Theater Casino Zug schonungslose Gags.

  • Viktor Giacobbo und Mike Müller verarbeiten seelische Störungen mit «Personality Coach» Dominique Müller. (Bild: Stefan Kaiser)
    Viktor Giacobbo und Mike Müller verarbeiten seelische Störungen mit «Personality Coach» Dominique Müller. (Bild: Stefan Kaiser)

Zug – Nach neun Jahren «Giacobbo/Müller» haben die beiden genug vom Fernsehen und wollen auf die Theaterbühnen des Landes. Um wieder direkt vor echtem Publikum spielen zu dürfen, müssen sie aber zuerst ihre Theaterlizenz von der Schweizer Darsteller- und Mimen-Gesellschaft erneuern lassen. Und dafür samt Anhang zum Therapeuten.

Kontakt mit ungebrieftem Publikum, Loslösung vom langjährig vertrauten Inventar der alten Show, Stellenwert der beruflichen Inhalte im Privatleben und umgekehrt. Mit Themen aus der lösungsfokussierten Schublade «zerrüttete Künstler – ein Blick nach vorne» schickt sich der Mimen-Therapeut, diplomierte Schauspieler und Dramaturg Dominique Müller an, den beiden Late-Night-Veteranen auf den Zahn zu fühlen. Im Schlepptau mit dabei: Müllers geliebte Kaffeemaschine aus der Sendung, die beiden weissen Lederstühle und der hauseigene Musiker Daniel Ziegler.

Das artet rasch in hemmungslose Zankerei aus, bleibt dann auch leider lange auf diesem Niveau. Jeder teilt aus, jeder steckt ein. Kaum ein Thema ist heilig genug, kein Schlag zu tief unter der Gürtellinie. Die Grandmasters der Schweizer Satire zerfleischen sich gegenseitig für einen müden Lacher.

Simpel gestrickter TV-Bezug und brillantes Glatteis

Und das Publikum liebt sie dafür. Im Casino in Zug spielen die vier mit ihrem neuen Programm «Giacobbo/Müller in Therapie» am Dienstagabend vor ausverkauftem Haus und vergnügten Rängen. Da ist Dominique Müller als Künstlertherapeut mit leicht überhöhtem Selbstbild und stromlinienförmigen Anglizismen für eher naheliegende therapeutische Interventionen. Und natürlich Daniel Ziegler, längst bekannt als griesgrämiger Sidekick-Musiker, sowie «Giacobbo/Müller» als «Giacobbo/Müller in der Krise nach dem selbstgewählten Aus ihrer Fernsehshow.

Stellenweise wirkt dieser Überbau etwas fadenscheinig. Man ahnt, wie die Therapeutenstory gestrickt wurde, um verschiedene Elemente der Fernsehshow mehr oder weniger eins zu eins auf eine Bühne zu bringen. Die emotionale Farbpalette der vier Künstler hält sich grösstenteils in verschiedenen Grautönen von genervt bis wütend und schlägt immer wieder den gleichen Spannungsbogen auf: vom gut gemeinten Therapieansatz über die Stichelei des alten Ehepaars bis zum Wutausbruch.

Neu erfunden haben sich die zwei Satiriker nicht. Richtig spannend wird es aber, wenn sie sich aufs Glatteis wagen. Stellenweise brechen sie eisern tradierte Theatergewohnheiten auf und schaffen Situationen, in denen sich Künstler und Publikum auf ungewohnte Weise begegnen. Von ihrer besten Seite zeigen sie sich, wenn sie die Spannung des Moments aushalten und aufrechterhalten.

Sattelfest und geistreich reagieren sie auf ihr Publikum und brillieren, wenn sich innert Augenblicken entscheidet, ob die Reaktion auf eine gute Vorlage das Publikum vor Lachen schüttelt oder betretenes Schweigen durch die Ränge rauschen lässt.

Mit der Schonungslosigkeit, die sie sich gegenseitig angedeihen lassen, begegnen sie auch ihrem Publikum und reissen es aus der unangesprochenen Blase der dunklen Tribüne heraus. Nach dem, was sie sich selber angetan haben, kann man ihnen das aber kaum noch krumm nehmen und gibt sich gerne dem Versuch hin, die anonyme Herde, in der man sitzt, aus der Sicht der Künstler zu betrachten.

Alle auch noch mit eigenen Projekten

Noch bis Januar sind die vier Künstler auf Tournee. Auch im Luzerner Kleintheater und an den Surseer Comedy-Tagen sind sie zu sehen. Ersteres ist ausverkauft, für Letztere gibt es noch Restkarten zu ergattern. Gleichzeitig ist Mike Müller mit seinem Soloprogramm «Heute Gemeindeversammlung» unterwegs. In den Haupt- und Nebenrollen erzählt er als Ein-Mann-Theater den langen Fall eines Gemeindepräsidenten. Der Bassist und Komiker Daniel Ziegler, der 2016 mit dem Swiss Comedy Award ausgezeichnet wurde, spielt ebenfalls sein Soloprogramm. Als «Der Bassimist» verbindet er seine virtuosen Ausbrüche am Bass mit seinem trockenen Humor.

Victor Giacobbo arbeitet derweil an seinem eigenen Podcast, dem «Giacobbodcast», wo er sich mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur oder Menschen aus seinem Umfeld spontan austauscht. «Erst am Schluss des Gesprächs wissen wir, worüber wir reden wollten», meint er dazu. (Wolfgang Meyer)