Mord auf dem Weg zum Stall

Brauchtum & Geschichte, Literatur & Gesellschaft

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Franz Felder (76) hat ein Buch über «Land und Leute» in Neuheim geschrieben. Auch Ortsunkundige finden darin Lesenswertes.

  • Franz Felder im Neuheimer Dorfzentrum. Links ist das historische Schmiedehaus (auch Grondhaus) zu sehen. (Bild Matthias Jurt)
    Franz Felder im Neuheimer Dorfzentrum. Links ist das historische Schmiedehaus (auch Grondhaus) zu sehen. (Bild Matthias Jurt)

Neuheim – Bauernhöfe sind nicht nur häufig schön anzuschauende Zeugen der Geschichte. Hinter ihnen und ihren Bewohnern verbergen sich auch Geschichten. Franz Felder war angetreten, diese in Neuheim niederzuschreiben. Er hat es geschafft.

Die über 40 Ausführungen über Höfe bilden das Herzstück seines gerade im Eigenverlag erschienenen Buches (siehe Hinweis). Die Ausführungen zu den Landwirtschaftsbetrieben sind mal mehr, mal weniger ausführlich und informativ. So erfährt man beispielsweise, dass in der Gegend «Im Blatt» der Ackerbau bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt wird. Oder man liest über die spektakulären Hintergründe der Umnutzung des einstigen Bauernhauses des Hofs Herlig zum heutigen Pfrundhaus der katholischen Kirche: Im Jahr 1804 wurde Franz Josef Hegglin im Alter von 29 Jahren auf dem Weg zum Stall ermordet. Der Mörder sagte vor seiner Enthauptung in Zug aus, dass er sich im Opfer geirrt hatte – er hatte den ihm verhassten Vater Hegglin vor sich im Stall geglaubt. Daraufhin vermachte der dem Tod entronnene Vater das Haus der Kirche, dies als Dank für den göttlichen Beistand. Es gibt auch durchaus aktuelle Bezüge im Buch. Wie zum Beispiel den von Franz Keiser vom Wies-Hof im Jahr 2019 gewonnenen Schweizer Agropreis für dessen Pflanzenkohleanlage.

Lange in Vergessenheit geratene Aufzeichnungen

Die fast 280 Seiten seines Werks habe Franz Felder in nur einem Jahr geschrieben. Wobei das Wort zusammengesetzt treffender sei. «Ich hatte seit langem allerlei interessante Geschichten gesammelt und fügte diese zusammen», erklärt der 76-Jährige. Neben Gesprächen mit seinen vielen Bekannten seien die Aufzeichnungen des Pfarrhelfers Johann Karl Röllin von 1904 eine ergiebige Quelle gewesen. Diese wurden übrigens mehr als 80 Jahre später bei Renovationsarbeiten im erwähnten Pfrundhaus gefunden.

Auch der Zufall steuerte das eine oder andere Kapitel bei. So sei Felder beim Stöbern im Internet oder beim Durchforsten von alten Zeitungen auf manche Geschichte über Neuheimer Persönlichkeiten gestossen. Wie beispielsweise auf die über Pankraz Meienberg. 1841 als jüngstes von zehn Kindern auf einem Hof in der damaligen «Gemeinde am Berg» geboren – Neuheim wurde erst 1848 eigenständig –, sorgte Meienberg später in Zürich für Ärger. Nach einer verunglückten Gefangenenbefreiung im Jahr 1871 beging er zwei Jahre später einen Raubmord an einem ihm flüchtig bekannten Mann. Im Verhör kam Meienbergs trostlose Kindheit in Neuheim zur Sprache. Unter anderem musste er wohl Hunger leiden, weil die Kraut- und Knollenfäule 1846 die Kartoffelernte zunichtemachte.

Neben Geschichten von Land und Leuten behandelt Franz Felders Buch zahlreiche andere Themen. Manche davon sind bereits aus der 1998 erschienenen, offiziellen Dorfchronik von Hans Schlumpf bekannt. Ungefragt sagt der Autor, dass der Eindruck entstehen könne, dass sein Buch «nicht so sehr strukturiert» sei. «In sich selbst ist es aber schlüssig», ist Felder überzeugt. Anspruch auf das Werk eines Historikers würde er ohnehin nicht erheben. Er hofft, nicht nur Alteingesessene, sondern auch Geschichtsliebhaber unter den vielen Neuzuzügern im heute nahezu 2300 Einwohner zählenden Dorf damit anzusprechen.

Kieswerkbetreiber werden kritisiert

In erster Linie richtet sich das zurückblickende und kurzweilige Buch gleichwohl an Schollen-Neuheimer. «Erstaunlich viele» der ursprünglichen Bauernfamilien sind gemäss Felder durch Nachfahren noch immer in der Gemeinde vertreten. Dass er mit der einen oder anderen Geschichte für Reaktionen bei jenen sorgen könnte, ist dem Verfasser bewusst. Bei Ausführungen über den Kiesabbau könnte der Umweltschützer Unmut auf sich ziehen: Er deutet mehrfach Mauscheleien bei der Vergabe von Abbaubewilligungen an. «Was im Buch steht, kann ich belegen», sagt Franz Felder. Auf Inhalte, für die er rechtlich belangt werden könne, habe er jedoch verzichtet. Der Kiesabbau beschäftigt den Pensionär stark. Dies vor allem, weil sein Elternhaus auf dem Hof Neuhus an den Chrüzhügel grenzt, der während Jahrzehnten zwecks Kiesgewinnung ausgebeutet wurde. Darüber hinaus hat Franz Felders gleichnamiger Vater den Abbau des Rohstoffs aber auch auf dem eigenen Grundstück erlaubt und davon finanziell profitiert, was im Buch nicht verschwiegen wird.

Von seinem Vater und anderen Neuheimer Bauern hat Felder eine Menge Wissen über Landwirtschaft mit auf den Weg erhalten. Dieses will er nicht für sich behalten: Es soll wiederum ein Buch daraus werden. (Raphael Biermayr)

Hinweis
Das Buch «Land und Leute von Neuheim und ihre Geschichten» ist zum Preis von 50 Franken bei Franz Felder erhältlich. Man kann es per Mail bei ihm bestellen: felderf@datazug.ch.