Die neue Intendantin kommt an

Musik, Theater & Tanz

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Katrin Kolo hat die Intendanz der Theater- und Musikgesellschaft Zug übernommen. Kaum einen Monat im Haus, gibt sie einen Einblick in ihre Ideen für die Zukunft des Theater Casino Zug. Und was die mit dem Ökihof zu tun hat.

  • Katrin Kolo zieht den Vorhang. Bild: Philippe Hubler
    Katrin Kolo zieht den Vorhang. Bild: Philippe Hubler
Zug – Von Jana Avanzini. Dieser Text ist in der Dezember-Ausgabe des Zug Kultur Magazins erschienen. Hier geht es zu den anderen Artikeln.

Ihr erster Arbeitstag, der 1. November, war ein Feiertag. Wortwörtlich natürlich, aber auch metaphorisch. Katrin Kolo ist die Nachfolgerin von Samuel Steinmann, der über 10 Jahre im Theater Casino Zug programmierte. Und sie ist die Frau, die das Haus in eine neue Ära führen soll.
Bevor sie sich bewarb, fragte sich die gebürtige Münchnerin, ob das Theater Casino Zug als Gastspielhaus in einer kleineren Stadt tatsächlich zu ihr passen würde. Obschon sie schon seit 2002 in der Schweiz lebt, kannte sie in Zug zu diesem Zeitpunkt vor allem die Zuger Kirschtorte. Die, das muss sie zugeben, ist nicht wirklich ihr Ding. «Schnaps ist schon in Ordnung, aber lieber pur», sagt sie und lacht.

Gewinnende Aussichten
Schnell jedoch zeigte sich die Intendanz bei der TMGZ als geradezu perfekte Stelle für Katrin Kolo. «Diese Aussicht! Man braucht bloss ein paar Schritte runter zum See zu tun, und man hat seine Prioritäten wieder richtig geordnet», sagt sie. Und man muss zugeben, die Aussicht ist ziemlich kitschig, selbst an diesem wintergrauen Mittag lässt es sich im Restaurant des Theater Casino Zug zurücklehnen und geniessen. Die Begeisterung von Katrin Kolo ist nach den ersten Wochen geradezu schwärmerisch – nicht nur für die Aussicht, sondern vor allem, wenn das Gespräch auf das Vielspartenhaus, seine Möglichkeiten, den Wirtschaftsstandort Zug und auf die hiesige Bevölkerung fällt. Sie habe die Zugerinnen und Zuger als äusserst weltoffen, neugierig, zuvorkommend und gelassen erlebt. Das Miteinander in diesem kleinen, multikulturellen Kanton beeindrucke sie.

Körperlichkeit und tanzende Gestik
Einerseits habe sie das Gefühl, seit langem in Zug zu sein, andererseits haben Ankommen und Näherkommen gerade erst begonnen. Ein grosser Schritt in diesem Prozess habe sie am vergangenen Wochenende getan. «Der Besuch des Ökihofs – vor allem mit dem Brocki – ist in Zug ein Event! Ich bin absolut begeistert von diesem Ort, der Stimmung und der gelebten Nachhaltigkeit», so Kolo.

Dass Katrin Kolo vom Tanz kommt, ihre Körperlichkeit, ihre tanzende Gestik verraten es. Ihr Lebenslauf ebenfalls. Ballettakademie Stockholm, Teil der Leitung des Tanzhauses Zürich und der Festspiele Zürich. Doch Kolo ist auch diplomierte Volkswirtin, hat einen Master in Transdisziplinarität. Sie stand viele Jahre auf der Bühne, kommt sowohl aus der Programmation wie auch aus der Produktion von Kultur. Aus dem Managen von Kunst, aber auch aus dem Choreografieren von Unternehmen.

Welche Formate werden bestehen?
Ihre Handschrift werde im Haus sichtbar werden, davon ist Kolo überzeugt. Dies, auch wenn in der kommenden Spielzeit ein grosser Teil des Programms noch von Samuel Steinemann programmiert wurde. «Ich komme aus einer anderen Welt als Samuel, schaue die Dinge deshalb auch von einer anderen Seite an, setze ­andere Bezüge.» Sie ist überzeugt, dass dieselbe Veranstaltung vom Publikum mit anderen ­Augen gesehen werde, je nachdem, wie man sie präsentiere und wo man den Fokus setzt.

Auf lange Frist plant Kolo einige der aktuellen Formate beizubehalten, daneben drängt es sie jedoch auch, neue zu schaffen. Und ihre Ideen dafür scheinen in ihrem Kopf bereits Form angenommen zu haben. Wenn sie davon erzählt, dann werden die blauen Augen grösser, die Gestik noch aus- und einladender. «Ich stelle mir etwas vor, das jedes Jahr neu wiederkehren und mit den Jahren zum Kult werden kann.» Eigenproduktionen, Co-Produktionen, Kooperationen, Residenzen, der Aufbau eines Netzwerkes und das Zusammenspannen mit Vereinen und anderen Kulturhäusern will Kolo verstärkt in Angriff nehmen. «Natürlich müssen dafür erst mal Formen definiert, Strukturen geschaffen und die Finanzierung gesichert werden.» Denn viel Geld zu investieren, um danach zwei Vorstellungen zu spielen, wäre schlichtweg nicht nachhaltig. «Womit wir wieder beim Ökihof wären», sagt sie und lacht.

Bezug zu Zug
Für die weitere Entwicklung des Hauses und des Programms sieht Kolo auch den Einbezug der Bevölkerung als zentralen Punkt. «Ich will nicht einfach nur ein abwechslungsreiches, spannendes Programm auf die Bühne stellen, ich möchte darin Bezüge zu Zug, der Bevölkerung und deren Themen schaffen. Unser Programm soll reflektieren, was die Leute umtreibt.» Auch die Produktivkraft aus Zug möchte sie verstärkt einbeziehen. «Es ist doch schade, wenn Zuger Kulturschaffende nach Zürich und Luzern gehen, um zu produzieren.» Sie wünsche sich, dass Kinder in Zug nicht mit der Haltung aufwachsen, dass sie reisen müssen, um Theater zu sehen, so Kolo, die selbst drei Söhne hat.

Mehrfach zieht sie im Gespräch ein Büchlein aus der Tasche, um sich in schwungvoller Schrift  mit einem langen Schönschreibfüller  Ideen zu notieren. Das Büchlein sei ihr «geistiger Verdauungsapparat». Darin landen auch die zahlreichen Tagebucheinträge, die sie täglich schreibt. Oft während der Zugfahrten, wenn sie vom Familien-Zuhause in Zürich in ihre kleine Wohnung in Zug fährt.

Eine Bühne für Utopien und Blockchain
Sie könne sich auch vorstellen, Künstlerinnen und Künstler vermehrt wiederkehren zu lassen, mit unterschiedlichen Produktionen, damit das Publikum eine Beziehung aufbauen kann. Auch den Bezug zu anderen Schweizer Städten möchte Katrin Kolo ausbauen, so dass sich die jeweiligen Möglichkeiten gegenseitig befruchten. «Wir haben hier einen intimen Rahmen, was Kulturschaffenden Möglichkeiten für privatere Formate bietet. Hier sind Dinge möglich, die auf den grossen Bühnen gar nicht umsetzbar wären.» So könne man auch eine Verbundenheit von Künstlerinnen und Künstlern zum Haus fördern.

Das aktuelle Konstrukt des Theater Casino Zug mit der TMGZ, der Stiftung sowie dem Restaurant, die alle für sich, aber auch gemeinsam funktionieren müssen, hat es Kolo angetan. «Es ist eine Form des Kollektivs, der Kollaborationen – eine sehr zeitgenössische Art von Organisation», so Kolo.

Sie spüre im Haus ein grosses Interesse aller Parteien, sich in dieser Konstellation immer neu zu finden, sich zu reiben und entwickeln. Hier gäbe es keinen Schrei nach mehr Regulierung, sondern nach Auseinandersetzung. «Das ist grossartig und extrem zeitgemäss!»

Kultur im Crypto-Valley
Inhaltlich sieht Kolo auch interessante Verbindungen zwischen Kunst und Wirtschaft. Das Crypto-Valley und der Wirtschaftsstandort Zug seien für Kulturschaffende inhaltlich oft ein rotes Tuch. Dabei könne man gegenseitig voneinander lernen. Sei das auf der Seite der Kulturschaffenden, wo man von den neuen Technologien wie Blockchain lernen könne, oder umgekehrt in der Wirtschaft von den agilen Strukturen der Kreativarbeit. «All die Schattierungen unserer komplexen Welt zu zeigen, Utopien und Ideen zu präsentieren und einen Geschmack von Hoffnung zu geben, das ist die Aufgabe der Kunst», sagt Katrin Kolo. Sie hat sich einiges vorgenommen.