Der Bulgarienhass liess sie nicht in Ruhe

Literatur

,

Evelina Jecker Lambrevas erster Roman erzählt von einem armen Land, in dem trotz Repressionen das Menschliche überlebt.

  • Autorin Evelina Jecker Lambreva hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat. (Bild Werner Schelbert)
    Autorin Evelina Jecker Lambreva hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Heimat. (Bild Werner Schelbert)

Risch – «Da liegt also, was von dir geblieben ist, Vater: verstummt, vermummt, gebändigt in einer langen schmalen Holzkiste.» So beginnt Evelina Jecker Lambrevas Roman «Vaters Land». Die in Rotkreuz lebende Autorin erzählt darin von der Reise der in die Schweiz emigrierten Inna zur Beerdigung des Vaters in Bulgarien. Am Totenbett des geliebten, aber autoritären Vaters wachend, steigen bei der jungen Frau zwiespäl­tige Gefühle auf. Ihre Erinnerungen schweifen zurück in die Kindheit.

In diesen Rückblenden erzählt die Autorin von einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung und wie das Familienleben Innas durch das damals totalitäre Regime in der kommunistischen Heimat tragisch beeinflusst wurde. Der Grund für die Repressionen, welche die Familie durchleiden musste, war die Begeisterung von Innas Vaters für die deutsche Sprache und Kultur. Und obwohl er gegen Hitler war, wurde der intellektuelle Arzt von den bulgarischen Behörden und der Bevölkerung als Faschist angesehen.

Eigene Erfahrungen

Evelina Jecker weiss, wovon sie in ihrem ersten deutschsprachigen Roman schreibt. Wie ihre Protagonistin Inna hat sie in Bulgarien eine schwierige Jugendzeit verbracht. Denn der die deutsche Kultur liebende Vater im Roman war der ihre. «Der Roman ist eine Mischung von autobiografischen Elementen und Fiktion», gibt sie schmunzelnd zu und ergänzt nachdenklich: «Meinen Vater habe ich gehasst und geliebt; zuletzt habe ich mich jedoch innerlich mit ihm versöhnt.» Er sei wissbegierig und patriarchalisch gewesen und habe verlangt, dass sie die deutsche Sprache lerne. «Die Mutter dagegen war mir eine wichtige Stütze und die tragende Kraft der Familie.»

Wie die Zugvögel

Wie Inna pendelt auch Evelina Jecker zwischen zwei Welten hin und her. «Ich bin im Westen gut integriert, stehe aber in einer natürlichen Liebe zu meinen Wurzeln, trotz der ambivalenten Gefühle zu der vom Kommunismus kaputtgemachten Heimat.» Doch wenn man einmal gegangen sei, könne man nicht mehr nur an einem Ort leben, man brauche beide so wie die Zugvögel.

Wenn sie auf die Heimat zu sprechen kommt, nimmt ihre Erregung zu. «An den Zuständen hat sich in den letzten Jahren kaum etwas geändert. Es ist eine Scheinwende. Die Korruption gibt es in Bulgarien noch immer, und die Genossen von gestern sind die Wirtschaftsoligarchen von heute», sagt die 51-Jährige verbittert. Als positiv Erlebtes beschreibt sie den Zusammenhalt unter den Menschen. Die gegenseitige Nachbarschaftshilfe funktioniere, da soziale Institutionen fehlten: «Und die Natur ist nicht weniger schön als in der Schweiz.»

Schreiben vor der Arbeit

Evelina Jecker Lambreva kam aus beruflichen Gründen in die Schweiz, seit 1996 lebt sie in Holzhäusern. Sie arbeitet als Psychiaterin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Univer­sität Zürich. Schon in der Jugend schrieb sie Gedichte. Im Jahre 2008 erschien der erste Gedichtband, später folgten Kurzgeschichten.

Der Auslöser für «Vaters Land» bildete 2009 der Roman «Apostoloff» der bulgarisch-deutschen Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, der Evelina Jecker Lambreva entsetzte. «Dieser Bulgarienhass liess mich nicht in Ruhe.» Eines Morgens sei ihr bewusst geworden, dass ihr Vater eine ähnliche Abscheu verspürt habe, weil er wegen seiner Liebe zur deutschen Kultur unschuldig bestraft worden sei. Sie habe sich gefragt, warum sie so leide. «Plötzlich schrieb ich los. Die Auseinandersetzung mit den bulgarischen Wurzeln hat mich ins literarische Glühen gebracht.» So sei das Bild des Vaters und seines und ihres Landes entstanden. Sie ergänzt nachdenklich: «Themen wie Angst, Schmerz und Schuld sind die allerwichtigsten Motoren zum Schreiben.» Doch trotz Haushalt und 80-Prozent-Pensum nimmt sie sich dazu regelmässig eine gewisse Zeit und zwar morgens vor Arbeitsbeginn.

Als das Buch fertig war, suchte Evelina Jecker Lambreva nach einem Verlag. «Für neue Autoren ist das schwierig», stellt sie fest. In der Schweiz fand sich kein Verleger. Nun gibt der Braumüller Verlag in Wien das 241 Seiten umfassende Buch heraus. Stolz hält die Holzhäuserin das frische Werk in den Händen, das den Lesern eine spannende Familiengeschichte und ein fremdes Land und seine Menschen näherbringt. (Monika Wegmann)

Hinweis
«Vaters Land». Evelina Jecker Lambreva, Braumüller Verlag, Wien, 2014. ISBN 978-3-99200-106-4.
«Themen wie Angst, Schmerz und Schuld sind die wichtigsten Motoren zum Schreiben.»
Evelina Jecker Lambreva, Autorin