Zug war schon immer farbig

Kunst & Baukultur, Literatur & Gesellschaft

,

Rollentausch bei historischen und zeitgenössischen Fotografien: Das Zuger Projekt «Zeitbild» geht einen Schritt weiter, indem das Einst farbig wird und das Jetzt schwarz-weiss. Mit modernster Technik ermöglichen die Macher einen ganz neuen Blick auf das alte Zug.

  • Welches zeigt den Postplatz von einst, welches zeigt ihn heute? Wir sind im ersten Augenblick verleitet, das Schwarz-Weisse-Bild als das historische einzuordnen. «Zeitbild Color» spielt mit dieser Wahrnehmung und haucht dem alten Zug neues Leben ein. (Bilder PD/Regine Giesecke)
    Welches zeigt den Postplatz von einst, welches zeigt ihn heute? Wir sind im ersten Augenblick verleitet, das Schwarz-Weisse-Bild als das historische einzuordnen. «Zeitbild Color» spielt mit dieser Wahrnehmung und haucht dem alten Zug neues Leben ein. (Bilder PD/Regine Giesecke)

Zug – Wir erinnern uns an die Zuger Freiluftausstellung «Zeitbild». Von 2008 bis 2015 waren auf Metalltafeln vergleichende Fotografien zu sehen: Die einen zeigten die städtische Situation zu Grossvaters Zeiten, die anderen exakt dieselbe Situation heute. Dem Betrachtenden wurde der zuweilen drastische bauliche Wandel in der Stadt Zug vor Augen geführt.

Im Anschluss an dieses Langzeitprojekt ist die Publikation «Zeitbild: Zug, 1873–2016» erschienen. Sowohl Ausstellung als auch das Buch sind in Zug und über dessen Kantonsgrenzen hinaus auf grosse Resonanz gestossen. Idee und Konzept zu «Zeitbild» stammt von den Zuger Gestaltern und Ausstellungsmachern Caroline Lötscher und Ueli Kleeb von DNS-Transport Zug.

Jetzt, dreieinhalb Jahre später, legen die beiden noch einen drauf: Der neu erschienene Folgeband «Zeitbild Color» ist ein spannendes Experiment, welches gezielt mit der Wahrnehmung spielt. Innerhalb der Vergleichsbilder findet ein Rollentausch statt – die historischen Schwarz-Weiss-Bilder sind jetzt farbig, die zeitgenössischen Fotografien von Regine Giesecke schwarz-weiss. Das Ergebnis ist so faszinierend wie auf den ersten Blick verwirrend: Der Gewohnheit folgend, ist das Auge verleitet, die farbigen Bilder als Gegenwart zu interpretieren, während die eigentliche zeitgenössische Abbildung «graue» Vergangenheit mimt und verblasst. «Die Wirkung ist nun umgekehrt und führt uns vor Augen, dass die Welt schon immer farbig war», sagen Caroline Lötscher und Ueli Kleeb. Durch die Kolorierung erhalten Bilder längst vergangener Zeiten neues Leben eingehaucht – trotz der unwiederbringlichen Situation, die sie zeigen. Die baulich als sorgfältiger, harmonischer gestaltet wahrgenommene Stadt Zug von einst wird nun so realitätsnah greifbar wie nie zuvor.

Annäherung an die vermutete Realität

Die aufwendige Kolorierung der historischen Fotografien haben die beiden Zuger eigenhändig vorgenommen und sich dafür komplexer digitaler Technik bedient. «Diese gibt es in der Form erst seit kurzem», weiss Ueli Kleeb. «Während man einst die sogenannte Fotochrom-Technik angewendet hat, um schwarz-weisse Bilder einzufärben und damit die Farbgebung oft einfach nach Gutdünken gewählt hat, so kommt man nun der vermuteten Realität deutlich näher.» Ermöglicht wird dies mit einem algorithmischen Verfahren. Rechnerisch schaffen Algorithmen Annahmen für die mögliche Kolorierung einer vergangenen Welt. Millionenfache Ansammlungen von Bildpunkten ergeben mathematisch bestimmte Muster und Gesetzmässigkeiten. «Diese Algorithmen werden immer besser und liefern präzisere Resultate», erklärt Ueli Kleeb.

Für «Zeitbild Color» hat DNS-Transport drei verschiedene Algorithmen miteinander kombiniert. Wo das Resultat augenscheinlich nicht einer möglichen Realität entsprechen konnte, haben sie manuell eingegriffen. Natürlich hätte man in einigen Fällen eruieren können, wie die Fassaden einzelner Gebäude zu einem gewissen Zeitpunkt ausgesehen haben. Aber man stelle sich vor, was für ein Aufwand so eine umfassende bauhistorische Forschungsarbeit bedeutet hätte. In einzelnen Fällen gelangen den beiden Abklärungen, was beispielsweise ein abgebildetes Fahrzeug tatsächlich für eine Farbe hatte, oder die Balkone einer nicht mehr existierenden Gebäudegruppe. «Uns war in erster Linie wichtig, ein glaubwürdiges Resultat zu erhalten», sagt Caroline Lötscher dazu. «Man muss allerdings immer bedenken: Es ist und bleibt eine Illusion.» Über ein Jahr haben die beiden an der Kolorierung der alten Fotografien gearbeitet.

Visuelles Erlebnis in Buchform

«Zeitbild Color» ist im Gegensatz zu «Zeitbild» ein reines Bilderbuch mit Fokus auf das visuelle Erlebnis. In einem ausführlichen Einleitungstext beschreiben Caroline Lötscher und Ueli Kleeb ihre Gedanken zu ihrem Farben-Experiment und ihrer Vorgehensweise.

Wie schon der erste Band fand auch dieser breite Unterstützung von Kanton, Stadt, Stiftungen, Medienunternehmen und weiteren Gönnern. «Zeitbild Color» mit seinen 100 Bildern ist ein weiteres schönes Instrument, sich mit der Vergangenheit der Stadt Zug und deren Wandel auseinanderzusetzen. Und dank der Pionierarbeit von DNS-Transport, uns das alte Zug nun erstmals in Farbe vor Augen zu führen, dürfte da und dort für nostalgische Anflüge gesorgt sein.(Andreas Faessler)

Hinweis
«Zeitbild Color», herausgegeben von DNS-Transport Zug (Ueli Kleeb & Caroline Lötscher), 116 Seiten Hardcover, gebunden, Fr. 39.–, ISBN 978-3-033-08075-1, im Buchhandel oder unter www.zeitbild-color.ch.