Der Geist, der in den Brunnen springt

Literatur

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Schlagen die Glocken der Kirche zur Geisterstunde, könnte einem tatsächlich ein Geist begegnen – in Form einer jungen Frau, die für eine schreckliche Tat büssen muss.

Allenwinden – Dunkel und verlassen erscheint der Baarer Weiler Allenwinden zuweilen spätabends. Der Bus, aus der Stadt kommend, kämpft sich die Kurven hoch auf die Ebene. Er lässt im Dörfchen die wenigen Passagiere aussteigen. Diese ziehen sich die Kapuzen tief ins Gesicht und machen sich schnell auf den Heimweg. Das sei ihnen geraten, denn in Allenwinden könnte einem eine unheimliche Gestalt begegnen – besonders im Gebiet Grüt. «Wenn früehner en Wanderer no spat i de Nacht underwägs gsii isch und bim Schwarzebach-Hof im Grüth het müesse durelaufe, so isch er guet berate gsii, wenn er zügig duregloffe isch», beginnt denn auch die Sage rund um den Geist am Brunnen. «Mer seid nämlich, dass eim de Grüthergeist tüeg erschiine, wenn d Turmuhr bi de Chile z Allewinde die mitternächtlichi Stund tuet schlaa.» Der Grüthergeist, das ist eine junge Frau in schwarzer Tracht gekleidet mit fliegendem, wildem Haar und feurigen Augen. «Sie tüeg über d Ächer und Matte schwebe oder sitzi bim alte Sodbrunne. De Brunne segi sowieso ihres liebschti Plätzli», geht die Geschichte weiter.

Der Grund, weshalb die junge Frau zum Geist wurde, ist grausam. Sie hat der Legende nach etwas erlebt, bei dem es einem heute noch kalt den Rücken runterläuft. Sie arbeitete damals, das genaue Jahr ist nicht bekannt, als Magd auf dem Schwarzenbach-Hof und hat ein «gruusiges» Verbrechen begangen. «Sie het ihres uneheliche Chind grad nach de Geburt gnoo und i Brunne abe grüehrt. Nach dere truurige Schandtat isch si ganz gschwind wider i ihri Chammere zrugg.» Aber – oh Schreck! – «Chuum isch sie i ihres Zimmer inecho, do schwäbt ere ihres tötete Chindli entgäge.» Das Unheil hatte gerade erst begonnen. «Sie het aagfange umeschreie wie en Wildi und isch devo gschprunge – Nienet het sie meh Rueh gfunde, will immer und überall, wo si gsii isch, isch ihre s Chindli wider erschine.»

Noch heute büsst die Magd

Verheimlichen konnte sie ihre Tat nicht. Sie musste vor Gericht, gab ihr Verbrechen zu und wurde verurteilt. «De Scharfrichter het sis Amt uusgfüehrt, und d Magd isch ufghänkt worde.» Ruhe fand die Tote aber nicht. «Sit däm Verbräche muess sie als Grüthergeist immer am Ort vo ihrem Verbräche umewandle und so für ihri dunkli Tat büesse.» In vielen Nächten wurde sie seither mit einer hell erleuchteten Laterne gesehen. Ein Anblick, der so manchem Allenwindler heute noch Albträume bescheren könnte, denn: «Drüümal gaht sie denn zum Brunne und rüehrt es chliises Steinli abe – wenn sie gäge Mitternacht chunnt, so staht sie uf de Brunnerand und bim letschte Schlag vo de Chileglogge gumpet sie mit eme luute Wehchlage i de tüüfli Sodbrunne abe.» (Carmen Rogenmoser)

Hinweis
In der Serie «Zuger Sagen» stellen wir verschiedene Geschichten aus dem Kanton vor. Quellen: Zuger Sagen. Sage, Legände und Gschichte us em Kanton Zug, Maria Greco und Brigitt Andermatt. Victor-Hotz Verlag, Steinhausen, 2009. Zuger Sagen und Legenden, nacherzählt von Hans Koch, H.-R.-Balmer-Verlag, Zug, 1974.