Die Vision eines Meisters

Brauchtum & Geschichte, Kunst & Baukultur

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Mit dem Altarblatt von Bruder Seraphin Schön besitzt die Pfarrei ein veritables Glanzstück sakraler Kunst. Das Meisterwerk wurde in der Ferne geschaffen und enthält eine zeitlose Botschaft.

  • Es gehört zu den kostbarsten und qualitätvollsten Sakralkunstwerken der Zentralschweiz: die «Taufe Jesu» von Bruder Seraphin Schön in der Pfarrkirche von Menzingen. (Bild Maria Schmid)
    Es gehört zu den kostbarsten und qualitätvollsten Sakralkunstwerken der Zentralschweiz: die «Taufe Jesu» von Bruder Seraphin Schön in der Pfarrkirche von Menzingen. (Bild Maria Schmid)

Menzingen – Wüsste man mehr über ihn, und hätte er der Nachwelt mehr hinterlassen, so gehörte der Menzinger Maler Seraphin Schön mit Sicherheit zu den grossen Leuchtfiguren der Schweizer Kunstgeschichte. Dass er sich als Künstler jedoch nie aktiv profiliert zu haben scheint, ist wohl dem Umstand geschuldet, dass Schön einerseits als Klosterbruder ein zurückhaltendes Dasein in Bescheidenheit pflegte. Andererseits lebte und wirkte der Menzinger hauptsächlich im Ausland, fern seiner Heimat.

Als grosses Glück darf gelten, dass Menzingen als Geburtsort Seraphin Schöns über eines seiner zweifellos besten Werke verfügt. Eines, das selbst in der reichen barocken Sakrallandschaft der Zentralschweiz seinesgleichen sucht. Wir reden vom Hauptgemälde im Hochaltar der Menzinger Pfarrkirche St.Johannes der Täufer, welches den Kirchenpatron bei der Taufe Jesu zeigt. Das Bild ist von einer so betörenden Schönheit und technisch hervorragenden Qualität, dass man als Betrachter den unbändigen Drang verspürt, mehr über den Urheber zu erfahren.

Eine spärliche Biografie

Leider aber bleiben – wie eingangs erwähnt – die biografischen Angaben zu Seraphin Schön sehr überschaubar. Immerhin kennt man seine ungefähren Lebensdaten. Wohl 1605 wurde Schön in Menzingen geboren. Er strebte eine kirchliche Laufbahn an und wurde Franziskanermönch. Man weiss, dass er im Alter von 25 Jahren ins Franziskanerkloster von Tarsatica, heute Trsat (Kroatien), eintrat, wo er bis zu seinem Tod 1642 lebte – als Todestag wird je nach Quelle der 14. August genannt. Seine ewige Profess legte er im Jahre 1634 ab. Die künstlerische Ausbildung dürfte Seraphin Schön in Norditalien erhalten haben. In Trsat hat er für sein Kloster mehrere Gemälde geschaffen, so ein monumentales Wandbild des mystischen Mahles der Heiligen Familie, drei Altarblätter für die Klosterkirche und 33 Marien- sowie Christusszenen für den Kreuzgang. Im Jahre 2000 kam das Museum Burg Zug in den Besitz einer Altartafel von Schön mit der Darstellung des himmlischen Rosenkranzes. Als Zuschreibung gilt ferner das ­Altarblatt in der Klarakapelle in Bremgarten. Alles weitere zum Leben des Menzinger Franziskanerbruders beruht maximal auf Legendenbildung, etwa seine Todesumstände. Im Alter von nur 37 Jahren soll Seraphin Schön vergiftet worden sein aus Motiven der Missgunst und wegen seines ausserordentlichen Talentes.

Es ist anzunehmen, dass ­Seraphin Schön das mit 1633 ­datierte Menzinger Altarblatt in Trsat malte und es kurz darauf im Zuge eines Heimaturlaubes ins Bergdorf mitbrachte und für die Kirche stiftete. Die genaue Verwendung respektive Positionierung des Gemäldes in den ersten Jahren nach seiner Herstellung ist unklar, zumal der Menzinger Hochaltar als Träger des Gemäldes erst sechs Jahre später, um 1639, vollendet worden ist.

Dreifaltigkeit in der Vertikalen

Seither wirkt Seraphin Schöns «Taufe Jesu» für den Herantretenden als unweigerlicher Blickfang im Chorraum. Mit dem reich gegliederten, farblich und figural geradezu überbordend gefassten Hochaltar erhält das Gemälde einen würdigen Rahmen. Wohlbemerkt eröffnet sich dem Betrachter die vielschichtige und zuweilen kleinteilige Szenerie rund um das zentrale Geschehen – dem Taufakt – nicht aus der Distanz, man müsste das Werk aus der Nähe betrachten.

Dann fallen einem die frappant naturalistischen Züge der beiden Hauptprotagonisten auf – die Darstellung Jesu und ganz besonders Johannes des Täufers gelingt dem Maler meisterhaft. Demütig gibt sich der Sohn Gottes der Taufe hin. Mit liebevoller Geste von leicht erhöhter Position lässt Johannes das Jordanwasser aus seiner rechten Hand über Christi Haupt rinnen. Bekrönt wird der biblische Akt von einer vielteiligen Himmelszene, von der ausgehend in der Vertikalen, sich eine Dreifaltigkeit ergibt: Oben blickt schirmend Gottvater mit der Weltkugel auf die Szene herab, am Übergang des Himmels zur irdischen Sphäre schwebt der Heilige Geist in der Gestalt der weissen Taube im Strahlenkranz. Scharen von Engeln tummeln sich in und über den Wolken, die vier flankierenden Putti im oberen Vordergrund hebt der Maler durch eine feine, sehr dynamische Ausarbeitung hervor.

Der Engel direkt hinter Johannes scheint ein Tuch bereitzuhalten. Und die beiden Engelsfiguren am von Pflanzen und Vögeln gesäumten Flussufer im Rücken des Gottessohnes sind im Dialog, eine deutet in Richtung der ganz im Hintergrund abgebildeten Stadt, welche orientalisch anmutet – es handelt sich wahrscheinlich um Jerusalem.

Eine Mahnung zum interreligiösen Dialog?

An dieser Stelle sei auf ein kleines, aber hochinteressantes Detail hingewiesen, welches sich dem Betrachter angesichts der Vielteiligkeit des Gemäldes leicht entzieht: Zwischen den beiden Hauptfiguren fällt der aufmerksame Blick auf ein paar Männer, die sich unterhalten. Einer von ihnen – der auf dem Felsblock Sitzende – trägt einen Turban. Es handelt sich offenbar um einen Muselmanen, der mit Christen im Gespräch ist. Hier könnte der Maler einen wichtigen Gedankengang verbildlicht haben, wie Urs-Beat Frei, Spezialist für christliche Sakralkunst aus Luzern, vermutet. «Womöglich verstand Seraphin Schön die Vision des religions- und völkerverbindenden Gesprächs als Gegenwart des Reiches Gottes.» Sowohl geografische als auch politische Faktoren dürften diese Vision beeinflusst haben. Urs-Beat Frei: «Als das Gemälde entstand, tobte in Europa der Dreissigjährige Krieg, welcher nicht zuletzt ein Konfessionskrieg war. Und im Südosten des damaligen Europas herrschte Konflikt zwischen dem katholischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich.» Man gründete in dieser Region Europas zahlreiche Klöster, darunter auch dasjenige in Trsat, um den christlichen Glauben vor Ort zu markieren und zu stärken.

Bruder Seraphin mit dem delikaten Detail den Betrachter zu Toleranz und Respekt Andersgläubigen gegenüber? Will er damit sagen, dass es einerlei ist, ob wir an Gott, Allah oder Jahwe glauben? Sollte das tatsächlich Schöns Botschaft sein, so hat sie nichts an Bedeutung eingebüsst.

Verscherbelt und zurückgekauft

So möchte man vor Seraphin Schöns «Taufe Jesu» verharren, die Detailvielfalt studieren und in sie eintauchen. Doch lohnt sich auch ein Blick nach weiter oben. Das kleinere Altarblatt über dem Hauptgemälde zeigt die «Himmelfahrt Mariens». Anhand der Qualität und der auffälligen Lichtführung ist es ein Leichtes zu erkennen, dass dieses kleine Gemälde ebenfalls von Seraphin Schön stammt. Er stiftete es seinerzeit gemeinsam mit dem Hauptgemälde. Dass dieses ovale Obblatt erhalten ist, verdanken wir einer glücklichen Fügung. Denn bis zur grossen Kirchenrenovation von 1959/60 war in diesem Oberfeld ein nazarenisches Himmelfahrts-Gemälde aus dem 19. Jahrhundert eingelassen, welches zu einem unbestimmten Zeitpunkt Seraphin Schöns Darstellung ersetzt hatte. Das Himmelfahrts-Bild des Menzingers gelangte darauf in den Kunsthandel. Nur durch einen Zufall wurde es zur Zeit der Kirchenrenovation von einem aufmerksamen Sachverständigen im Handel wiederentdeckt, zurückgekauft und an seinen ursprünglichen Platz im Giebelfeld des Hochaltars verbracht.

Warten auf eine Wiederentdeckung

Seraphin Schön, ein begnadeter Meister, von dem gerade mal eine Handvoll Gemälde als gesichert eigenhändig gelten, war zu Lebzeiten zweifellos ein angesehener Künstler. Man kann erahnen, was der Menzinger heute aus kunsthistorischer Sicht für eine Bedeutung hätte, wäre er älter geworden und sein Oeuvre somit umfangreicher ausgefallen. Wer weiss, ob wachsame Augen beim Beobachten des Kunstmarktes mit etwas Glück das eine oder andere unbekannte Schön-Werk lokalisieren und dem Meister irgendwann die Aufmerksamkeit verschaffen, die er verdient. (Andreas Faessler)

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir ­wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.