Dürstende Stiere und werbende Politiker

Volkskultur

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Die sommerlichen Temperaturen wirkten sich am gestrigen ersten Tag des 128. Stierenmarkts auf dem Stierenmarktareal in der Herti unterschiedlich aus. Zahlreiche anwesende Politiker mischten sich unter das Volk, um Werbung in eigener Sache zu machen.

  • Links: Geduldig lässt sich dieser Stier trotz Hitze und kurzem Anbinden von Lio Schwarzenberger streicheln. Oben rechts: Die zur Auktion stehenden Stiere werden von möglichen Käufern begutachtet und von den meisten Besuchern des Markts bewundert. Rechts unten: Das traditionelle Säulirennen brachte auch in diesem Jahr die «Säuliarena» zum Kochen. (Bilder Stefan Kaiser)
    Links: Geduldig lässt sich dieser Stier trotz Hitze und kurzem Anbinden von Lio Schwarzenberger streicheln. Oben rechts: Die zur Auktion stehenden Stiere werden von möglichen Käufern begutachtet und von den meisten Besuchern des Markts bewundert. Rechts unten: Das traditionelle Säulirennen brachte auch in diesem Jahr die «Säuliarena» zum Kochen. (Bilder Stefan Kaiser)

Zug – Die überdurchschnittlich hohen Temperaturen beim gestrigen Auftakt zum 128. Zuger Stierenmarkt zeigten Wirkung. So fand am Mittag trotz des kommenden Wahlkampfs kein Kampf um die Sitze in der Halle und dem grossen Zelt auf dem Stierenmarktareal statt, wie die Jahre ­zuvor. Zwar füllten sich auch heuer ab zwölf Uhr Mitglieder politischer Institutionen, von Firmen sowie Besucher des Stierenmarkts die knurrenden Mägen und nässten sich die dürstenden Lippen, aber viele Tische blieben leer.

Gezeichnet von der Sonne, die gnadenlos vom Himmel brannte, waren die Stars des Stierenmarkts. Manch ein Stier war möglicherweise zuvor zu wild gewesen, weshalb der Ring durch seine Nase mit dem Strick ultrakurz angehalftert wurde. Doch nicht nur die gestrige Hitze, sondern auch der (zu) heisse Sommer hat auf die Stiere insgesamt einen ­grossen Einfluss gehabt. Weniger Futter gleich weniger Gewicht und gleich geringerer Preis.

Was bereits im Vorfeld des Stierenmarkts als Erwartung zu hören war, wird wohl bei der Auktion der Stiere zutreffen. Jörg Hänni, Pressesprecher des Braunviehzuchtverbands, erklärt: «Den Durchschnitt des Vorjahres mit 4587 Franken werden wir kaum schaffen.» Es werde schwierig, in den Bereich von 4000 Franken zu kommen, sagt Hänni. «Und dies, obwohl es sich ausschliesslich um Tiere der Premiumqualität handelt. Wir erwarten nämlich heuer mehr Verkäufer als Käufer an den Auktionen. Der Rekord an Besuchern aus dem Vorjahr, als 12000 Leute den Stierenmarkt besucht hätten, könnte dieses Jahr geknackt werden, ergänzt Hänni: «Schon heute war viel Volk auf dem Gelände, dank des perfekten Wetters und auch guter Aussichten für den Donnerstag befinden wir uns auf der Rekordwelle.»

«Usus wie das morgendliche Zähneputzen»

Ein Rekord an Politikern am Markt könnte gestern tatsächlich erreicht worden sein. Ganz sicher waren alle Parteien und alle Gemeinden vertreten. Denn wie ­erwartet, war am Abend «gesehen und gesehen werden» angesagt. Die milden Temperaturen begünstigten diese Disziplin, die sich alle vier Jahre am Stierenmarkt wiederholt. Mehrere hundert Zuger kandidieren bekanntlich für ein Amt als Gemeinderat oder eine Kommission, für einen Sitz im Stadt- oder Kantonsparlament, im Regierungs- oder Stadtrat oder für das Zuger Stadtpräsidium. Die «Zuger Zeitung» machte den Test und pflückte wahllos Politiker heraus, die sich auf dem Weg zur Präsentation befanden oder sich bereits unter das Volk gemischt hatten. «Als Urzuger gehe ich jedes Jahr an den Stierenmarkt, sagt Regierungsratskandidat Daniel Stadlin (GLP/Zug). Gattin Alda begleitet ihren Mann und fügt an: «Aber ich gehe eigentlich lieber am Nachmittag, wenn die urchigen Stiere in der urbanen Umgebung zu sehen sind.» Der Stierenmarkt sei immer obligatorisch, sagt Finanzdirektor Heinz Tännler (SVP/Zug): «Für mich ist dessen Besuch Usus wie das morgendliche Zähneputzen.» Sie sei zum siebten Mal in Folge am Stierenmarkt, erklärt Stadträtin Vroni Straub (ALG/Zug). «Dies, weil die Stadt, die Bürger- und Korporationsgemeinde traditionell einen gemeinsamen Tisch haben. Und ich esse meist ein Gnagi.» Er sei auch im Vorjahr schon hier gewesen, sagt Florian Weber (FDP/Walchwil): «Der Stierenmarkt ist für mich ein Stückchen Zug. Und als Korporationsbürger fühle ich mich auf dem Stierenmarktareal natürlich besonders wohl. Mit Nationalrat Thomas Aeschi (SVP/Baar) ist auch ein Politiker anzutreffen, der sich im Oktober nicht dem Stimmvolk stellen muss. Er betont: «Ich war auch die letzten Jahre am Stierenmarkt und komme immer, ob Wahljahr oder nicht.» (Charly Keiser)