Das wohl bestdokumentierte Kunstwerk

Kunst & Baukultur

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Dank eines umsichtigen Zuger Architekten ist ein seltenes Kunstwerk Hans Potthofs erhalten geblieben. Im Zuge der Restaurierung ist das Sgraffito Gegenstand einer Hochschularbeit geworden.

  • Frisch restauriert steht Hans Potthofs «Wasserträgerin» seit Sommer 2022 beim Pumpwerk Höfen. Bild: Stefan Kaiser
    Frisch restauriert steht Hans Potthofs «Wasserträgerin» seit Sommer 2022 beim Pumpwerk Höfen. Bild: Stefan Kaiser

Zug – Hans Potthof (1911-2003) ist als bedeutendster Zuger Künstler des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen. Seine Werke umfassen hauptsächlich Aquarell- und Ölmalerei. Nur vier Fassadengestaltungen in der sogenannten Sgraffito-Technik, bei der die Darstellung per Kratzvorgang auf nassem Putz herausgearbeitet wird, sind entstanden.

Eines davon schuf Potthof im Jahre 1953 an der Aussenwand eines im selben Jahr entstandenen Hauses an der Zugerstrasse in Steinhausen im Auftrag des Bauherrn, Inhaber eines Sanitär-Installationsgeschäftes. Potthof soll ein Sgraffito zum Thema «Wasser» an die strassenseitige Fassade aufbringen. Der Künstler schuf eine überlebensgrosse Frauenfigur, die im Sonnenlicht mit wallendem Kleid daher schreitet, auf dem Kopf einen amphorenartigen Krug tragend. So war das an sich unauffällige Gebäude mit Potthofs «Wasserträgerin» zum Blickfang geworden.

Vor der Zerstörung bewahrt

Im Jahre 2006 entschied sich der nachmalige Eigentümer, das veraltete Gebäude zugunsten eines zeitgemässen Wohn- und Geschäftshauses abzubrechen. Karl Schleiss, leitender Architekt des Neubauprojektes und zugleich verantwortlich für den Abbruch des alten Hauses, erkundigte sich beim Bauherrn, wie er mit dem Sgraffito verfahren solle. «Der Bauherr hatte keine Verwendung dafür», erinnert sich Karl Schleiss. «Doch als Architekt kann ich doch nicht einfach zusehen, wie ein Potthof zerstört wird.» Schliesslich überliess der Bauherr dem Architekten das Sgraffito zur freien Verfügung.

Aber so ein Kunst-am-Bau-Werk hängt man nicht einfach mal so ab wie ein Bild von der Wohnzimmerwand. Da musste schweres Gerät her. Um das Wandbild herum wurden gerade Schnitte in die Wand gefräst für einen eigens konstruierten Stahlrahmen. Nachdem dieser mittels Kran in die Schnitte eingelassen worden und das Sgraffito fixiert war, konnte es unversehrt aus dem Mauerwerk gehoben werden.

Doch was mit dem drei Tonnen schweren, eineinhalb mal drei Meter grossen Wandbild geschehen soll, dazu hatte sich Karl Schleiss zum Zeitpunkt der «Rettungsaktion» noch keine ausführlicheren Gedanken gemacht. Es zählte zunächst nur, dass eines der wenigen Sgraffitos Potthofs nicht der Vernichtung anheimfällt. So wurde das stelenförmige Mauerstück verpackt und auf unbestimmte Zeit im Depot einer Luzerner Transportfirma eingelagert. Nach der Übergabe seines Architekturbüros an seine Nachfolger im Jahre 2018 hatte der Steinhauser Architekt endlich die nötige Zeit, sich wieder dem fast schon vergessenen Kunstwerk zuzuwenden. Dessen Zustand war desolat, der dunkle Untergrund stellenweise stark verwittert, der Putz vielerorts bröcklig und losgelöst. Mit der alteingesessenen Firma Fontana & Fontana AG in Rapperswil-Jona, die sich auf Restaurierung und Konservierung von Kunst spezialisiert, fand Schleiss eine kompetente Anlaufstelle, um die Wasserträgerin fachgerecht aufarbeiten und in den Ursprungszustand zurückführen zu lassen.

Denn Karl Schleiss war mittlerweile zum Schluss gekommen: Potthofs «Wasserträgerin» gehört instand gestellt, auch wenn es ein kosten- und zeitintensives Unterfangen bedeutete. Eineinhalb Jahre verblieb das Sgraffito in sachkun­diger Obhut in Rapperswil, derweil sich sein «Retter» Gedanken um den künftigen Standort machte. Eines war Karl Schleiss von vornherein klar: «Die Wasserträgerin soll an einem Ort zu stehen kommen, wo die Öffentlichkeit sie sehen kann, sie jedoch nicht zu sehr möglichem Vandalismus aus­gesetzt ist.»

Ein thematisch passender Standort

Schliesslich schwebte ihm als thematisch passender Standort das Pumpwerk an der Steinhauser Höfenstrasse vor, welche zum örtlichen Wasser- und Elektrizitätswerk (WESt) gehört und die Trinkwasserverteilung im Quartier regelt. Einfach sei der Weg, sämtliche Bewilligungen zu erhalten, nicht gewesen, erinnert sich Karl Schleiss. Dass er damals Mitglied der Betriebskommission des Wasserwerkes war, dürfte das Ganze etwas beschleunigt haben.

Doch nun war der Standort fix: Potthofs «Wasserträgerin» sollte also auf dem begrünten Teil des umzäunten Vorplatzes beim Pumpwerk ihren endgültigen Bestimmungsplatz finden. Am 14. Juni 2022 fuhr in der Höfen ein Schwertransporter vor. Ein Wagenkran hievte die in einem Metallrahmen fixierte Stele auf eine im Boden verankerte Stahlhalterung. Seither präsentiert sich das aufwendig restaurierte Kunstwerk an einem geschützten Standort den Vorbeikommenden in ursprünglicher Schönheit – als Geschenk für die Öffentlichkeit, wie es im Sinne Karl Schleiss’ war und ist.

Der lange Weg vom desolaten, fast in Vergessenheit geratenen Sgraffito Hans Potthofs zum wieder «auferstandenen», eigenständigen Kunstwerk brachte mit sich, dass die «Wasserträgerin» gar in einen akademischen Kontext eingegliedert worden ist: Die verantwortliche Restauratorin Lea Schmid bei der zuständigen Firma in Rapperswil stand kurz vor ihrem Studienabschluss an der Hochschule der Künste in Bern. Sie entschloss sich, die «Wasserträgerin» gleich zum Thema ihrer umfangreichen Masterarbeit zu machen. Potthofs gerettetes Sgraffito gehört somit wohl zu den bestdokumentierten Kunstwerken im öffentlichen Raum des Kantons Zug. (Text von Andreas Faessler)

Hinweis

In der Serie «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach