Handwerk mit dem Heiligen

Brauchtum & Geschichte

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Ein Team des Museums Burg Zug hat den Nachlass des Klosters Maria Opferung erschlossen – und hat dabei Schätze aus Jahrhunderten des Klosterlebens für die Zukunft gesichert.

  • Das Altarbild wurde von Maler von Deschwanden in drei Tagen gemalt - er schreibt das in seiner Signatur. (Bild: Falco Meyer)
    Das Altarbild wurde von Maler von Deschwanden in drei Tagen gemalt - er schreibt das in seiner Signatur. (Bild: Falco Meyer)

Zug – Dieser Artikel ist in der Dezember-Ausgabe des Zug Kultur Magazins erschienen. Hier geht es zu den weiteren Artikeln

 

Was hinterlassen wir, wenn wir verschwinden? Gedanken, Gefühle, Überzeugungen, Erfahrungen, gute Gespräche, vielleicht Verbindung, Gefühle der Zugehörigkeit, die Wurzeln, die wir selber geschlagen haben und anderen angeboten haben, damit sie ein Stück weit daran durchs Leben wachsen können. Vielleicht hinterlassen wir warme Gefühle und gute Geschichten, vielleicht auch Unverständnis und Unausgesprochenes. Was sicher ist: Ganz bestimmt hinterlassen wir einen Haufen Kram. 

Objekte aus vielen Leben
All die Dinge, die für uns einmal wichtig waren, Bedeutung besassen. Dinge aus unseren eigenen Kindheitsmuseen: gesammelte Milchzähne, Lieblingsspielzeuge, Fotoalben. Dinge aus unseren wilden Zeiten: Musikalben, Mountainbikes und Knieschoner, Boxhandschuhe, Polaroidfotos von ereignisreichen Nächten. Praktische Dinge: Kleider, Bücher, Werkzeuge, Besteck, Geschirr, Sofas und Bettdecken, Fernseher und sieben kaputte Handys. 10 00 Dinge besitzen wir im Durchschnitt, sagt uns zumindest eine alte Internet-Weisheit, und wenn wir es mit den Minimalist:innen und/oder Marie Kondo halten, dann vielleicht etwas weniger. Die Schwestern, die im Kapuzinerinnenkloster Maria Opferung in Zug gelebt haben, waren wohl in Sachen Minimalismus noch ein Stück konsequenter unterwegs – zumindest was ihre persönlichen Gegenstände angeht. 
Trotzdem ist mit der Schenkung des mobilen Kulturgutes durch den Verein Kloster Maria Opferung an das Museum Burg Zug einiges zusammengekommen: Über 22 00 Objekte, verteilt über das gesamte Kloster vom Untergeschoss bis zum Estrich, haben Marco Sigg und sein Team im Rahmen des Erschliessungsprojektes in einem ersten Schritt im Kloster registriert. Aus dieser Menge wählte das Museum dann knapp 2230 Objekteinheiten für die Museumssammlung aus. Für eine Gesamtübernahme fehlt schlicht der Platz, sie war auch nicht beabsichtigt. Wir sprechen hier also von vergegenständlichter Geschichte en gros, die auf das Museum zukam. Eine Sammelpackung alltägliches Klosterleben aus mehreren Jahrhunderten. 

Mit groben Geschützen gegen Schädlinge
Die Geschichten dazu allerdings, die musste das Team selber ausgraben. Wir steigen mit Marco Sigg die Treppen hinunter ins Kulturgüterdepot, im Choller, mit Alarm geschützt vor Einbrechern, mit Hygrometern und Klimageräten geschützt vor dem Vergehen, hier lagern diese neugehobenen Schätze für die Zukunft. «Diese Kulturgüter für die Nachwelt zu bewahren, war eine grosse Aufgabe», sagt Sigg, «wir haben das teilweise auch etwas unterschätzt – trotzdem haben wir nach diesen zwei Jahren nun fast alles geschafft.» 
Fast bedeutet: Einige Dinge sind noch nicht im Depot angekommen. Alles bedeutet: Viel sorgfältige Arbeit an jedem einzelnen Objekt. Das Kulturgut musste von Staub und Schmutz befreit, konservatorisch behandelt, fotografiert, vermessen und beschrieben, letztlich verpackt und transportiert werden. Einiges musste auch von Schädlingsbefall befreit werden, notfalls sogar mit gröberen Geschützen. 
«Alleine die Konservierung mit Sicherungsmassnahmen und Schädlingsbekämpfung fiel aufgrund des Zustandes teils deutlich umfangreicher aus als geplant.» Verschiedene Objekte mussten durch Sauerstoffentzug oder in der Stickstoffkammer behandelt werden. «Letzteres hat alleine über 11 00 Franken gekostet», sagt Sigg. «Der Konservierungsaufwand war neben den Personalkosten der grösste einzelne Posten in der Gesamtrechnung.» Das ganze Projekt war mit knapp 850 00 Franken budgetiert, mehrheitlich Lotteriefondsgelder, und die internen Betriebskosten nicht ­mitgerechnet. Es ist eines der grössten Kulturprojekte, die der Kanton Zug jemals über den Lotteriefonds finanziert hat. Dementsprechend hoch ist die Einschätzung der Wichtigkeit und des Werts dieses Projekts. «Wir haben es hier mit einem kulturhistorisch für Zug sehr wichtigen Bestand an mobilem Kulturgut zu tun, der einen mehrere Jahrhunderte umfassenden ­Einblick in das sich verändernde klösterliche Umfeld, in das zugerische Kunsthandwerk, in gesellschaftliche Entwicklungen bei den Alltagsgegenständen, in der Hauswirtschaft und im Bildungswesen ermöglicht. Das ist in dieser Breite ein einmaliger Bestand.» Er soll in Zukunft für die Forschung, Vermittlung und Ausstellungen zur Verfügung stehen. «Die schöne Arbeit kommt erst jetzt», sagt Sigg und schmunzelt, «jetzt kann man damit arbeiten und den Menschen diesen Schatz zugänglich machen.»

Nicht nur ein Knochen unter vielen
Dafür braucht es allerdings nicht nur Gegenstände, es braucht gute Geschichten. «Wir haben die ganze Sammlung bereitgestellt, und versucht, zusammen mit der zeitgleich vom Staatsarchiv begonnenen Erschliessung des Klosterarchivs die Geschichten zu den einzelnen Gegenständen zu finden und zu verknüpfen.» So stellt sich heraus, dass ein Möbelstück womöglich seine ganz eigene Geschichte aufweist – beispielsweise ein Betstuhl, der von der Mutter Oberin Johanna Franziska Moos (1835–1899) genutzt wurde. Oder dass eine Reliquie nicht ein Stück menschlicher Knochen unter vielen ist – sondern das Kloster eingebunden war in ein Netzwerk aus spezialisierten Zentren klösterlicher Handarbeit, besonders bekannt für die feinen Einfassungen der Reliquien mit Stoffen und Stick­arbeiten, Perlen und Silber. 

Zeitreisen mit Kelchen
Tauchen wir also ein in verschiedene Welten und Zeiten, die sich auf kleinem Raum, aber in grosser zeitlicher Verschiebung abgespielt haben. Da stehen mitten im Lager noch unverpackt kleine Jesusstatuen aus Wachs, eingehüllt in von den Klosterfrauen eigens angefertigten glitzernden Mänteln. Dahinter im Rollschrank glänzen Kronen für Marienfiguren in verschiedenen Vergoldungsgraden. Eine ganze Reihe von Kelchen lässt uns durch das ästhetische Empfinden verschiedener Jahrhunderte wandern: Jedes mit seinem eigenen aufwendigen Versuch, das Heilige zu verkörpern, mal möglichst schlicht, mal aufwendig dekoriert, mal extravagant in der Materialität, mal auf die perfekte Form reduziert. «Das sind solche Reihen von Objekten, die während der vergangenen Jahrhunderte nacheinander verwendet wurden – sie geben uns einen Einblick in die Veränderung, denen auch das klösterliche Leben unterlag», sagt Sigg. «Das sieht man auch an der Veränderung der Paramente, also der Messgewänder von Priestern und Diakonen. Von diesen fanden wir im Kloster Maria Opferung verschiedene Garnituren und können damit die ganze Entwicklung vom 18. Jahrhundert bis ins Jahr 2000 dokumentieren.» Und immer wieder sind darunter auch wertvolle Arbeiten bekannter Zugerischer Goldschmiede, Maler oder Bildhauer. 

Arbeit mit dem Heiligen
Noch etwas näher an das klösterliche Leben kommen wir aber in einem anderen Rollschrank: Hier sind die Reliquien aufbewahrt, die für das Kloster selber von den Klosterfrauen bearbeitet und verziert wurden. Es sind filigrane Objekte, winzige Knochensplitter des Katakombenheiligen Pius, eingefasst und umhüllt mit feinen Stoffen und Silberdraht, zu Ensembles zusammengebracht. 
«Pius ist einer der Schutzheiligen des Klosters Maria Opferung, dem seit dem 17. Jahrhundert ein Altar geweiht war – er gehört zu den sogenannten Katakombenheiligen, von denen man als historische Person eigentlich nichts weiss – das war aber damals auch nicht relevant, es genügte zu glauben, dass er ein frühchristlicher Märtyrer war.» In jener Zeit, ab dem 16. Jahrhundert, wurden sterbliche Überreste aus den Katakomben Roms von offizieller Stelle als Märtyrer und damit als heilig betrachtet. So konnte die grosse Nachfrage nach Reliquien gestillt werden, die im Zuge der Gegenreformation aufkam und neben Pfarreien auch Klöster betraf – es war für diese Gemeinschaften neben der ökonomischen Bedeutung des Einfassens von Reliquien auch von grosser spiritueller und identitätsstiftender Bedeutung, unter dem Schutz eines Heiligen zu stehen. Diese Bedeutung lässt sich erahnen, wenn wir die Objekte betrachten, die Sigg vorsichtig aus den Schubladen nimmt. «Solche Objekte dürfen wir nur ganz vorsichtig transportieren», sagt er, «das ist eine sehr filigrane und kostbare Klosterarbeit. Was die Menschen damals dabei gefühlt haben, als sie diese für sie heiligen Reliquien in stundenlanger, feiner Arbeit bearbeitet haben, lässt sich nur erahnen – es war bestimmt eine sehr kontemplative Arbeit, eine Beschäftigung mit dem Heiligen.»

Handfestes Kunsthandwerk
Wie wichtig Pius für das Kloster war, lässt sich auch anhand von Bildern nachvollziehen, die vor zweihundert Jahren über dem Altar hingen   und bis heute auf dem Estrich des Klosters überlebt haben: Darauf ist der heilige Pius zu sehen, der schützend über dem Kloster Maria Opferung in Zug schwebt und in Verbindung mit dem Göttlichen steht. Auch damals schon brauchte es klare Bilder, um eindeutige Botschaften zu übermitteln. 
Und auch damals war auch beim Heiligen handfestes Handwerk gefragt: Eines der neueren Altarbilder aus dem 19. Jahrhundert des Stanser Künstlers Melchior Paul von Deschwanden trägt etwa die selbstbewusste Unterschrift: «In nur drei Tagen gemalt.»
Nun sind die Gegenstände gesichert, die verfügbaren Geschichten dazu angelegt, die weitere Forschung und Vermittlung kann beginnen. Für Sigg ist es vorerst das letzte Projekt im Kanton Zug – er wird ab Januar die Leitung des Museum Aargau übernehmen. Er sagt: «Ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben, diese grosse Fülle an einzigartigen Gegenständen und Geschichten einzuordnen und zu konservieren. Ich bin überzeugt, dass daraus spannende Projekte und Ausstellungen entstehen werden.»

 

(Text: Falco Meyer)