Geschichten für unsere Zeit

Brauchtum & Geschichte, Literatur & Gesellschaft

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Wir sitzen zu Hause fest. Da braucht es gute Geschichten! Die Zuger Geschichtenerzählerin Isabelle Hauser hat ihre Lieblinge für uns zusammengetragen. Damit Sie was zu erzählen haben.

  • Isabelle Hauser erzählt uns ihre Lieblingsgeschichten. (Bild:PD)
    Isabelle Hauser erzählt uns ihre Lieblingsgeschichten. (Bild:PD)
Zug (Kanton) – Nach der Bekanntmachung der Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus Mitte März fand ich mich fast reflexartig vor meinem Bücherregal wieder. Ich durchforstete es nach Geschichten zur Inspiration, Ablenkung und Aufmunterung für die Zeit, die ich in meinen vier Wänden verbringen würde. Dabei fiel mir Boccaccios Werk «Decameron» in die Hände. Es erzählt die Geschichte von zehn jungen Menschen in Florenz im Jahr 1348. Während die Pest die Stadt in Angst und Schrecken versetzt und unzählige Tote fordert, ziehen sie sich in eine Villa auf dem Land zurück. Dort verbringen sie zehn Tage damit, einander Geschichten zu erzählen. Die gute Nachricht: Sie überleben – gemäss Boccaccio dank einem Phänomen, das der Literaturwissenschaftler Martin Marafioti «Narrative Prophylaxe» nennt: Die Glücksgefühle, die durch das freie Erzählen von Geschichten und Zuhören in abgeschiedener und froher Gesellschaft entstehen, verhindern eine Ansteckung und sorgen dafür, dass auch die schlimmsten aller Tage überstanden werden. Wenn das keine wertvolle Information für unsere Zeit ist!
Natürlich wissen wir heute mehr über Infektionswege als Boccaccio und vermutlich begünstigte eher das Social Distancing das Über­leben seiner Figuren. Obschon die Geschichten nicht direkt vor einer physischen Ansteckung bewahren können, sind sie doch ein Gegenmittel für die negativen Gefühle, die eine Epidemie mit sich bringt. Kulturphilosoph Robert Harrison bezeichnet es als Stärkung des mentalen Immunsystems. Anders als (Vor-)Lesen von Texten oder das Schauen eines Films, ermöglicht Storytelling das Erleben von Gemeinschaft. Davon, so Harrison,  ist unser menschliches Wesen abhängig. So sei Storytelling, das freie Erzählen von Geschichten,  seit Anbeginn der Zeit ein Herzstück unseres sozialen Zusammenlebens. Es ist mehr als das Zauberwort der Marketing-Gurus und nicht das alleinige Privileg von Trudi Gerster und kleinen Kindern. Ganz im Gegenteil: Storytelling erfreut sich noch heute einer grossen Beliebtheit beim erwachsenen Publikum.

Erzählen Sie was!
In diesem Sinn möchte ich Sie herzlich dazu ermuntern, den Schatz der Sagen, Legenden, Volksgeschichten und Märchen mit Ihrer Familie und Ihren Freunden zu erkunden. Dass Sie sich dazu vermutlich nicht in eine toskanische Villa zurückziehen können, macht nichts – die nachfolgenden Methoden sind Wohnzimmer- und digital erprobt. Zur Inspiration finden Sie eine Auswahl meiner Lieblingsgeschichten für alle Quarantäne-Typen; auf meiner Website (siehe Textende) können Sie die Videoaufnahmen der folgenden Geschichten anschauen.

Für Wohnzimmer-Gemeinschaften
Es ist toll, in einer Gruppe Geschichten zu erzählen – dank der modernen Technologie kann sich die Gemeinschaft auch in einem virtuellen Raum zusammenfinden. Eine der schönsten Geschichten für eine solche Runde ist diese hier: Vor langer Zeit kam ein armer Wanderer in ein Dorf, hungrig und erschöpft. Er klopfte an eine Tür nach der anderen mit der Bitte um ein bisschen Brot, doch überall wurde er abgewiesen. So fing er an, auf dem Dorfplatz eine Suppe zu kochen, nur mit Wasser und einem Stein. Das weckte die Neugier eines Kindes ...


Für Badezimmer-Piraten
Wenn die einzigen Boote auf dem Wasser diejenigen in der Badewanne sind und dort nur um Schaumberge dümpeln, ist es höchste Zeit, an der Seite eines schönen Prinzen, einer mutigen Prinzessin oder einem anderen Helden in die Welt hinauszuziehen. Die Reisen und Abenteuer in Geschichten kennen keine Grenzen! Eine meiner Lieblingsgeschichten ist ein Märchen der Gebrüder Grimm. Zwei Königssöhne gingen einmal auf Abenteuer und gerieten in ein wildes, wüstes Leben, so dass sie gar nicht wieder nach Hause kamen. Der jüngste, den alle Dummling nannten, machte sich auf und suchte seine Brüder ...

Für Schlafzimmer-Eremiten
Einsame Herzen haben es nicht leichter in dieser Zeit und auch die Zweisamkeit kann auf eine harte Probe gestellt werden. Unzählige Liebesgeschichten bringen Einsichten, Hoffnung und Humor, können das Herz erwärmen oder zerreissen. Mein Favorit in dieser Kategorie ist ein indisches Märchen. Vor langer Zeit gab es nicht einige wenige, die Lieder sangen und Geschichten erzählten, sondern das tat damals jeder. So kam es, dass ein junger Mann sich eines Tages in die Geschichte einer jungen Frau verliebte und in den süssen Klang ihrer Stimme ...

Küchen-Komödianten
Frohnaturen und all jenen, denen das Lachen vergangen ist, seien die Geschichten des Mullah Nasreddin wärmstens ans Herz gelegt. Die unzähligen Erzählungen des weisen Narren aus dem Nahen Osten bringen Licht in manch dunkle Situation, und wenn nicht das, dann zumindest Ablenkung. So zum Beispiel die Geschichte von dem Tag, an dem Nasreddin von seinem Nachbar eine Schüssel auslieh. Nachdem einige Zeit vergangen war, ohne dass er die Schüssel zurückgebracht hätte, klopfte der Nachbar an Nasreddins Tür. Dieser strahlte ihn an und rief, «Nachbar, ich habe eine frohe Botschaft für dich! Deine Schüssel hat Junge bekommen!» ...

Estrich-Geisterjäger
Die unheimlichste Geschichte ist aktuell wohl unsere Gegenwart, und um dieser zu entfliehen, bieten die Volksgeschichten vieler Kulturen spannende Alternativen. Ganz ohne Blutvergiessen, aber schaurig schön ist meine Lieblingsgeschichte zu Halloween. Ein junger Mann macht sich voller Vorfreude auf den Weg zu seiner Trauung und lässt sich unterwegs dazu hinreissen, einem Fremden einen Gefallen zu tun ...

Jetzt sind Sie dran!
Diese Geschichten dürfen Sie gerne Ihren Familien und Freunden weitererzählen! Vielleicht brauchen Sie diese Anregung nicht einmal, weil Sie sich an Ihr Lieblingsmärchen aus der Kindheit erinnern, dieses nun aus der Versenkung holen und mit anderen teilen mögen. Oder Sie sind kreativ und erfinden die Geschichten gleich selbst; da empfehle ich die Rory Story Cubes. Wenn Sie noch kreativer sind, laden Sie ein paar Leute ein, je einen Gegenstand an ein (digitales) Treffen zu bringen. Gemeinsam erfinden Sie dann eine Geschichte, in der alle Gegenstände vorkommen. Was auch immer Sie mit dem Geschichtenerzählen tun, ich hoffe, dass es Ihnen Inspiration und Freude bringt. Mögen die Geschichten, ganz im Sinne von Boccaccio, mit märchenhaften Momenten zu Ihrem Wohlbefinden beitragen, sowohl heute als auch dann, wenn wieder «Normalität» eingekehrt ist. Zu hören gibt es diese Geschichten alle hier:

www.isabellehauser.com/impressionen


Die Geschichtenerzählerin

Isabelle Hauser ist Herzblut-Zugerin und lernte die Erzählkunst in Irland. Mit ihrer Harfe und Geschichten auf Deutsch und Englisch steht sie auf Bühnen in der ganzen Schweiz und im Ausland. Im Zuger Lade für Soziokultur führt sie zusammen mit der Erzählerin Claudia Däpp regelmässig den Anlass «Fabula – Zeit für Geschichten» durch und freut sich schon sehr darauf, die Geschichten wieder vor einem realen Publikum zum Leben zu erwecken. Wann dies wieder möglich sein wird, erfahren Sie hier:
 www.isabellehauser.com/agenda.