Leben, was geht!

Literatur & Gesellschaft

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Eine Ausstellung möchte uns ein Thema näherbringen, mit dem wir im Alltag meist lieber nichts zu tun haben wollen. Wie gehen wir mit Suizid um? Wie reden wir darüber? Diese Ausstellung schenkt uns dafür eine Sprache.

  • Die Ausstellung «Leben, was geht», wie sie in der Calatrava-Aula in Wohlen aufgebaut war. (Bild: PD)
    Die Ausstellung «Leben, was geht», wie sie in der Calatrava-Aula in Wohlen aufgebaut war. (Bild: PD)
Zug – Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe (#83) des Zug Kultur Magazins erschienen. Hier geht es zu weiteren Artikeln.

Manche Dinge sind schwierig anzusprechen. So schwierig, dass sie uns die Sprache verschlagen. So sperrig sind diese Worte, dass wir sie mit Mühe herunterschlucken. Dass wir, wenn sie uns auf der Zunge liegen, einen Rückzieher machen in sicheres Terrain. Alles gut. Nein, nein, kein Problem, mir geht’s gut. Und wo es besonders schwierig wird, gibt es scheinbar gar keine Sprache mehr. «Wenn sich jemand aus dem ­nahen Umfeld das Leben nimmt, dann ­erleben die Hinterbliebenen manchmal einen zweiten Tod», sagt Martin Steiner. «Den sozialen Tod.» Ihr Umfeld wende sich ab und spreche nicht mehr mit ihnen. Nicht weil es nicht mehr will – sondern weil es keine Worte findet. Weil da ­etwas Unaussprechliches ist, das im Weg steht.

Tabu abbauen
Steiner ist Kantilehrer in Wohlen und Ausstellungsmacher. Seine Ausstellung «Leben, was geht! – Suizid im Gespräch mit Hinterbliebenen» ist der Versuch, ein Tabu abzubauen. Er gründet auf einer eigenen Lebenserfahrung. «In meinem Umfeld ist ein Suizid geschehen. Dem bin ich aber erst richtig nachgegangen, als mich eine Bemerkung meiner Partnerin stutzig gemacht hat.» Sie habe erzählt, dass sie in ihrem Freundeskreis zum ersten Mal über das Tabuthema Abtreibung gesprochen habe – und dass dabei so viel ans Licht gekommen sei, über das vorher nicht habe gesprochen werden können.
«Praktisch jede zweite Person hatte eine Erfahrung mit dem Thema. Und ich denke, so ist es mit dem Thema Suizid auch: In vielen Familien ist das Thema vorhanden, ob man darüber spricht oder nicht.» Man müsse nur die Rechnung anstellen: Rund 1000 Menschen sterben pro Jahr an Suizid, wenn jeder dieser Menschen im Schnitt 50 Personen nahesteht, kommen jährlich 50 000 Menschen mit dem Thema in Kontakt. Sie bleiben damit meist alleine. «Wir sprechen nicht miteinander darüber, was das mit uns macht. Es ist ein Tabuthema. Wir haben keinen Umgang untereinander, der erlauben würde, dass jemand sagen kann: Mir geht es grad wirklich richtig schlecht.»

24 Menschen erzählen ihre Geschichte
Steiner hat sich auf die Suche gemacht. 24 Menschen hat er gefunden, die bereit waren, mit ihm über ihre Erfahrung als Hinterbliebene zu sprechen. Er hat die Gespräche aufgezeichnet. Diese Tonbibliothek lässt sich nun in der Ausstellung «Leben, was geht!» nacherfahren. «Du setzt dich mit einem Menschen hin, ziehst dir die Kopf­hörer an und tauchst in dessen Erzählung ein», sagt Steiner. Das ist eine intensive Erfahrung. Die ganze Ausstellung auf einmal hören, das wird nicht gehen. «Ich denke, man kann einer, maximal zwei Personen richtig zuhören. Danach muss man das Gehörte erst einmal setzen lassen.»
Die Ausstellung ist ab Oktober zu Gast in der Shedhalle in Zug. Sie reist durch die Zentralschweiz über Sarnen, Schwyz und Uri, den Wurzeln von Steiner entlang. «Klar, da schaut man zuerst einmal, wo man schon Leute kennt, wenn man so eine Ausstellung konzipiert – das macht alles einfacher.» Auf die Shedhalle in Zug ist er über seine Bekanntschaft mit Ursina Zweifel vom Team Bildung und Vermittlung im Museum für Urgeschichte(n) gekommen. «Sie hat mir den Tipp gegeben, die Halle anzuschauen. Es ist eine schöne helle Halle.»
Eine schöne helle Halle für ein Thema, mit dem man sich nur ungern befasst. «Trotzdem ist es ein wichtiges Thema, auch für Menschen, die noch nie damit in Berührung gekommen sind. Es ist auch für sie wichtig, damit wir alle zusammen lernen, darüber zu sprechen.» Dass Steiner den Weg über die Kulturtechnik Ausstellung wählt, ist nur konsequent: «Das muss im Raum erlebt werden, dazu braucht es eine Haptik, das Sofa fühlt sich irgendwie an, das Licht und die Kopfhörer auch, der Raum soll erlebt werden – und zwar zusammen, nicht alleine.»

Auch für Schulklassen
Besonders für Schulklassen sei die Ausstellung geeignet, Steiner reserviert für eine Klasse jeweils den ganzen Ausstellungsraum. Die Ausstellung bietet kostenlose Arbeitsmaterialien für Schulen zum Thema und zum konzipierten Ausstellungsparcours an. «Das ist wichtig, dass sie darin unter sich sein können und das Thema mit ihren Mitschülerinnen geleitet und gemeinsam im Raum erleben und besprechen können.» Für Lehrerinnen und Lehrer stehe er auch in der Vorbereitung zur Verfügung, damit die sich ­damit sicher fühlen können.
«Das Ziel der Ausstellung ist ja, dass die Menschen darin in eine Interaktion mit den Inhalten, aber auch mit den anderen Menschen treten.» Und zwar über eine echte Begegnung.
«Also nicht einfach ‹he krass, hast du auch gehört, was der gemacht hat?›», sagt Steiner, sondern es soll ein Gespräch darüber entstehen, was man da tatsächlich erlebt hat, als man der einen oder anderen Person zugehört hat. «Wir wollen, dass sich die Leute dann fragen: Wie geht es dir damit? Was macht das mit dir, wenn du das so hörst?» Die Gäste sollen eine Sprache finden, wo es um Suizid geht. Damit das tatsächlich ­passiert ist die Ausstellung spielerisch-inter­aktiv gestaltet. Gäste erhalten zum Beispiel einen Ausstellungspass, auf dem sie eintragen können, welchen Posten sie besucht haben. «Darüber kann man ins Gespräch miteinander kommen», sagt Steiner. Angst müsse man keine haben beim Betreten der Ausstellung – sie ist eine Einladung. «Wir wollen eine Möglichkeit zur Annäherung an ein Thema geben, das im Grunde eine menschliche Realität ist.»

Einladung zur Annäherung
Die Ausstellung ist eine Möglichkeit, etwas darüber herauszufinden, wie es Hinterbliebenen geht. In welcher Stimmung man diese Ausstellung besuchen soll? «Na es geht nicht darum, dass man da bedrückt hindurchläuft», sagt Steiner. Man dürfe sich der Ausstellung auch mit einer Gelassenheit und Zuversicht annähern. «Man kann es zum Beispiel mit dem Ziel tun, in Zukunft besser hinhören zu können, besser ­dafür gerüstet zu sein, wenn es jemandem im Umfeld nicht mehr gut geht.» Ganz direkt kann man an zwei Tagen mit Hinterbliebenen ins Gespräch kommen: Mitwirkende sind am 31. Oktober und am 7. November in Zug anwesend. An den anderen Tagen stehen ihre Erfahrungen als Podcasts per QR-Code zur Verfügung. Smartphone und Kopfhörer bringen die Gäste selber mit.

Indirekte Unterstützung
Direkte Hilfe für Menschen in Notsituationen kann so eine Ausstellung nicht bieten. «Da leisten alle die Dienste und Ambulatorien, Kliniken und Notfallzentren und Selbsthilfegruppen ­jeden Tag unglaublich wichtige Arbeit für die Menschen.» Die Ausstellung kann da nur indirekt etwas dazu beitragen: «Indem womöglich ein Anstoss entsteht, der dazu beiträgt, dass die Menschen eher miteinander sprechen», so Steiner. Damit wir die sperrigen Worte womöglich in Zukunft aussprechen können, statt sie herunterzuschlucken. Sobald sie gehört werden können, sind wir damit nicht mehr alleine.



Brauchen Sie Hilfe?

Geht es Ihnen oder jemandem aus Ihrem Umfeld nicht gut? Hier finden Sie Hilfe:

– Die Dargebotene Hand (Tel.: 143)
– Pro Juventute Jugendnotruf  (Tel.: 147)
– Die ambulante Psychiatrie und Psychotherapie APP Zug steht Erwachsenen ab 18 Jahren offen (zu Bürozeiten: 041 723 66 00)
– In sehr dringenden Notfällen rufen Sie den Sanitätsnotruf  (144)

Weitere Anlaufstellen sind zum Beispiel die Kampagne «Wie geht es dir?» (www.wie-gehts-dir.ch ), der Zuger Verein Equilibrium – ein Verein zur Bewältigung von Depressionen – oder die Zuger Selbsthilfegruppe Möwe (spezifisch für Hinterbliebene, Kontakt über eff-zett), zudem das Trauernetz (www.trauernetz.ch).

(Autor: Falco Meyer)